Recycling in Berlin : Der Müllionär von Moabit

Erst folgt Atilay Ünal einem Mann, der Kartons aus einem Supermarkt abtransportiert. Dann schmeißt er seinen Job am Flughafen und schafft sein privates Wirtschaftswunder. Von einem, der sich nicht zu schade ist.

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Alles meins. Einen Monat etwa braucht Atilay Ünal, bis er einen solchen Berg „Folie, transparent“ aus den Abfällen Berlins herausgelöst hat.
Alles meins. Einen Monat etwa braucht Atilay Ünal, bis er einen solchen Berg „Folie, transparent“ aus den Abfällen Berlins...Foto: Xiomara Bender

Seine Freunde waren lange der Meinung, dass dieser Aufstieg ein Abstieg sei. Warum sonst nimmt Atilay Ünal das gute Geld, das er 20 Jahre lang am Flughafen Tegel als Verantwortlicher auf dem Flugfeld verdient hat und steckt es in einen schäbigen Schuppen, eine Müllpresse, Laster und diverse Gabelstapler! Warum tauscht er einen Arbeitsplatz, der nach Kerosin und damit nach der weiten Welt riecht, gegen einen, der nach Diesel und damit nach Dienstleistung dünstet? Ganz zu schweigen vom süßlichen Geruch fermentierender Abfälle. Zu allem Überfluss beginnt das neue Leben auch noch zu nachtschlafender Zeit.

Es ist ein Dienstag, im frühdunklen Dunst um fünf. Rechts „Reparaturen aller Art“. Links oben jaulen die Laster, bevor sie über die Dehnungsfuge der Putlitzbrücke donnern. Ein ausgebrannter Kleinwagen rottet darunter, dessentwegen die Polizei am Zaun des Wertstoffhofes um Mithilfe bittet: Zeugen gesucht. Vermehrte Brandstiftung in Moabit seit Oktober. Außerdem ein Schild: „Giftköder ausgelegt.“

Es ist eine 1a-Lage. Alle, die vom Fruchthof kommen und Schöneberg, Neukölln oder Wedding beliefern, müssen hier vorbei. Können ihren Müll gleich hier entsorgen. Haben Atilay Ünal zum Erfolg verholfen.

Da taucht die gutmütige Silhouette Marinas aus dem Dunkel auf, die rechte Hand des Chefs. Sie dreht den Schlüssel im Tor. Schon springt auch der Rest des Chefs aus seinem BMW, tritt durch den Eingang, an dem vorne „Taifun Wertstoffhandel“ steht. Es ist der Spitzname, den ihm seine Großmutter in der Türkei verlieh, als er ein kleiner Junge war. „Du bist wie ein Taifun“, hatte seine Oma damals gesagt. „Manchmal bringst du Unheil.“

Kraftvoll klingt das. Und unberechenbar.

„Passt doch.“

Der magische Ort Amerikas ist die Garage. Dort entsteht aus einer genialen Idee der Keim für ein weltumspannendes Imperium. Der Mythos der Deutschen handelt von einem allumfassenden Trümmerhaufen, den das ganze Land nach dem letzten Krieg gemeinsam bestieg. Selbst Kinder sammelten Schrott und verkauften, wofür es Geld gab. Kein Nagel war zu klein und man selbst sich für nichts zu schade. Worauf diese Haltung dann geradezu zwangsläufig zu einem Wirtschaftswunder führte.

Wertstoffhof. Aus diesem Haufen müssen Holz und Pappe getrennt werden. Rechts im Bild: das Förderband zur Presse.
Wertstoffhof. Aus diesem Haufen müssen Holz und Pappe getrennt werden. Rechts im Bild: das Förderband zur Presse.Foto: Xiomara Bender

Aus dem Nichts etwas zu machen, das ist die Erzählung einer ganzen Nation. Sie funktioniert offenbar noch. In Berlin. Für Atilay Ünal, der in seinem ganz privaten Wirtschaftswunder nun ein Dutzend Leute beschäftigt.

Er streift den Fliegenvorhang beiseite, öffnet die Tür zu einem fensterlosen Raum, ausgelegt mit Teppichen, bestückt mit zwei orange-beigefarbenen Sofas. Der Lichtstrahl fällt auf ein weiches Gesicht, 44 Jahre alt. Über einem riesigen Schreibtisch hängt ein viergeteilter Bildschirm, auf dem er den ganzen Tag aus seinem Büro die Bewegungen draußen auf dem Hof verfolgen kann. Auf dem Weg zur Kaffeemaschine schlägt er nun einen Bogen um seine glänzend polierte 1200er-Kawasaki, die direkt vor dem Schreibtisch parkt.

Den Abfall holt niemand einfach so. Dafür muss es Geld geben

„Frierst Du?“ Ünal schaltet die Bauheizung ein, die sofort gehorsam losbrüllt, stellt sich selbst vor das kniehohe Loch in der Wand, aus dem die heiße Luft pustet, in der Hand den Kaffeebecher. Braunes Plastik, sortenrein.

Der Spott über das Müll trennende Deutschland ist längst international. Die Bewunderung aber auch. Die Claims sind abgesteckt in diesem Riesengeschäft, es handelt sich um ein geschmeidig ineinandergreifendes Geflecht zuständiger Stellen. 2012 fielen 1.481.000 Tonnen Siedlungsabfälle an im Land Berlin, davon 149.000 Tonnen Geschäftsmüll. Ünal sagt trotzdem: „Ich habe eine Marktlücke gefunden.“ Er hat sich aus dem Berliner Kuchen seinen tonnenschweren Anteil herausgeschnitten, der beständig größer wird. Sollte da bei aller internationalen Professionalisierung der Branche noch Platz für einen wild entschlossenen Privatmann sein?

Auf 2500 Quadratmetern schräg unter der Brücke zum Westhafen, nicht weit vom Fruchthof, sind unter dem Brüllen von Dieselmotoren, dem Sirren einer Presse, den Rufen der Angestellten, dem Splitterknacken von Holz, Gebirge in Bewegung. Ständig im Entstehen und Vergehen. Gebirge, die sich tagelang aufschichten und wieder verschwinden. Landschaften. Ansichten. Panoramen. Perspektiven, die gestern noch zu sehen waren, sind heute schon wieder verschwunden.

Alles beginnt, als Atilay Ünal, da ist er Mitte dreißig, 2006 auf einem Moabiter Edeka-Parkplatz zum ersten Mal den Kitzel spürt. Er beobachtet einen alten Mann, der den Pappmüll des Supermarkts in Bündeln wegwuchtet und in sein Auto hievt. Das macht keiner einfach so, denkt Ünal. Die sind doch viel zu schwer für den. Da muss es was für geben. Und fährt ihm hinterher bis zu der Firma, wo der Mann seine Pappen tatsächlich gegen Geld tauscht.

Ünal ist elektrisiert. Er hat das Gefühl, einen Schatz entdeckt zu haben. Er kehrt zum Supermarkt zurück und bietet an, von nun an regelmäßig dessen Kartons zu entsorgen. Er sammelt, bis er die ersten 94 Kilo beisammen hat, fährt zur Annahmestelle, deren Adresse er auch heute nicht verrät, und bekommt zehn Euro. – Für nichts!

Den Recycling-Markt mit seinen Bezeichnungen für Wertstoffe – B19 für Pappe und Kartonagen – lernt er erst später kennen. Den Markt, auf dem die Preise schwanken „wie die für Rohöl“. Auch Wertschöpfung ist eine Schöpfung, aber auch dieses letzte Ende der Kette ist kein Paradies. Konkurrenten werden stramm bekämpft. Es ist ebenfalls viel später, dass ihm jemand Zucker in den Tank seines Lasters schüttet. Ihm eine kaputte Müllpresse andreht. All das ist später.
Ünal, nicht erfahren, aber entschlossen, wird jeden Fehler einmal selber machen müssen, weil einem so etwas niemand erzählt. Weil keiner ein Interesse daran hat, dass Ünal keine Fehler macht. Dass er groß wird.

Zunächst hat Atilay Ünal quasi aus nichts Gold gemacht. Es ist die Alchemie der Städte, Müll der faszinierende Ausgangsstoff. Dieser Rohstoff liegt einfach rum. Besser noch: Die Leute wollen ihn sich vom Hals halten. Sie zahlen sogar dafür.

Ünal mietet zwei Räume unter den S-Bahn-Bögen in Moabit, wo er die Pappen lagert, erweitert dann auf einen Gewerbehof, auf den auch ein Laster passt, und entscheidet sich schließlich, unter dem Eindruck seiner erfolgsgekrönten 16-Stunden-Tage, für den großen Platz unter der Putlitzbrücke. Seine beiden Söhne sieht er kaum noch, „das ist der Preis“.

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