Berlin : Rede an die Gastnation

William R. Timken, neuer US-Botschafter in Berlin, hat sich am Flughafen Tegel vorgestellt

Sven Goldmann

William Richard Timken kommt um kurz vor neun und startet gleich durch zum Stehpult. Es ist ein wenig wie bei seinem obersten Dienstherrn, George W. Bush, wenn der im Weißen Haus vor die Weltpresse tritt, nur ein paar Nummern kleiner. Das Pult ist aus Furnier gefertigt, an der Decke strahlen fahle Neonleuchten, und die Weltpresse besteht an diesem Mittwochmorgen aus drei Zeitungsleuten, einer Hand voll Fotografen und einem Mann vom Fernsehen. Wir sind auf dem militärisch genutzten Gelände des Flughafens Tegel. Timken ist gerade aus New York eingeflogen, mitten in die „großartigste Stadt der Welt“, das hat ihm ein Flugbegleiter gerade eben noch im Flugzeug erzählt.

William Richard Timken ist der neue Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Berlin. Es ist ein wenig genörgelt worden über seine Ernennung, denn Mr. Timken verfügt nicht gerade über große diplomatische Erfahrungen, genauer gesagt über gar keine. Er ist Unternehmer, ein höchst erfolgreicher. Sein Großvater Henry kam im 19. Jahrhundert aus Bremen nach Ohio und meldete dort ein Patent für die Herstellung von Kugellagern an. Heute beschäftigt die Timken Company 26 000 Menschen in 27 Ländern.

Dazu ist der 66-Jährige ein enger Freund von Präsident Bush. Die beiden verstehen sich so gut, dass Bush Timken mit dessen Spitznamen Tim anredet und von diesem um die 350 000 Dollar für seine Wiederwahl-Kampagne bekommen hat. Für Spender in dieser Größenordnung vergeben die Republikaner den Ehrentitel Ranger und manchmal auch Botschafter-Posten. Das heißt, noch ist Timken ja gar kein richtiger Botschafter. Diesen Status erhält er erst nach der Übergabe seines Beglaubigungsschreibens an den Bundespräsidenten, ein schöner Brauch aus alten Diplomatenzeiten. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie Horst Köhler das Siegel des Briefleins aus Amerika bricht und gespannt nachschaut, wen der Herr Bush aus Washington da mit der Wahrung der amerikanischen Interessen in „good old Germany“ betraut hat.

Bei seiner ersten Rede in Berlin bemüht Timken sich um Zurückhaltung. Er würdigt die guten wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Nationen, die gemeinsamen Anstrengungen bei der Friedenssicherung in Afghanistan, den Kampf gegen den globalen Terrorismus.

Das Thema Irak erwähnt Timken der Höflichkeit halber nicht. Sein Vorgänger in Berlin, Daniel Coats, hatte die Meinungsverschiedenheiten mit Berlin in ganz und gar undiplomatischer Offenheit moniert und noch bei seinem Abschied im Februar von „ernsten Verletzungen und Belastungen“ gesprochen. Der Neue mag es offenbar sanfter. Unternehmer müssen nicht automatisch schlechte Diplomaten sein.

Nach dreieinhalb Minuten hat Timken genug geredet. Ehefrau Susan kämpft mit dem Jetlag, und man fragt sich besorgt, wie sie die vielen Reisen „durch diese an Kultur so reiche Nation“ durchstehen will, von denen ihr Mann gerade in großer Vorfreude geschwärmt hat. Da auch Tochter Frances und Sohn Henry einen müden Eindruck machen, verabschiedet sich die Familie Timken und zieht sich zurück auf die Rollbahn. Ein weißer Chevrolet Suburban steht bereit für die Fahrt zur Dienstvilla nach Dahlem. Der Termin beim Bundespräsidenten hat noch Zeit.

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