Regenreicher Juli : Knapp am Wetter-Rekord vorbeigeschwappt

Der Juli war der regenreichste Monat seit 1948. Es gab sogar Überschwemmungen. Jetzt wird das Wetter besser – aber nur für drei Tage

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Wüsste man nicht, dass es Mitte August ist, könnte man meinen, wir hätten Herbst. Nicht nur Berlin-Touristen bekommen in diesen Tagen nasse Füße. Durch den vielen Regen der vergangenen Wochen steigt der Grundwasserpegel: ein potentieller Standortnachteil für Berlins Betriebe.Weitere Bilder anzeigen
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30.07.2011 11:27Wüsste man nicht, dass es Mitte August ist, könnte man meinen, wir hätten Herbst. Nicht nur Berlin-Touristen bekommen in diesen...

Auf einen Regenschauer mehr wäre es am Sonntag auch nicht mehr angekommen. Doch so hat Berlin den Allzeitrekord ganz knapp verpasst – und der soeben überstandene Juli 2011 geht nur als zweitnassester Monat seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1908 ins Archiv ein: Mit 202,4 Litern pro Quadratmeter schüttete es im August 1948 noch zwei Liter mehr als in diesem Juli, berichtet Ronny Büttner vom Wetterdienst Meteogroup. Die Folgen sind an vielen Orten in der Stadt zu sehen. Immerhin stehen drei Tage bevor, um alles zu trocknen und zu lüften.

Umgerechnet hat Petrus im Juli 20 große Wassereimer über jedem Quadratmeter Berlins ausgekippt; fast vier Mal so viel wie üblich. Rund die Hälfte des Regens prasselte allein seit Donnerstag herunter, wobei es am stärksten in den östlichen Außenbezirken schüttete. Besonders offenkundig waren die Folgen in der Kleingartenanlage „Erpetal“ in Friedrichshagen: Die Kolonie stand am Sonntag einen Meter tief unter Wasser, weil der namensgebende Bach über die Ufer getreten war. Normalerweise fließt die Erpe – auch „Neuenhagener Mühlenfließ“ genannt – kaum einen halben Meter tief, südwärts nach Köpenick und mündet in die Spree. Unterwegs nimmt sie den Ablauf des Klärwerks Münchehofe der Berliner Wasserbetriebe (BWB) auf, der wegen der anfallenden Wassermassen zurzeit ebenfalls angeschwollen ist.

Nur einen Katzensprung stadteinwärts, in Kaulsdorf, drang über die Gullydeckel so viel Regenwasser in die – an dieser Stelle nur fürs Abwasser bestimmte – Kanalisation, dass ein BWB- Pumpwerk nicht mehr nachkam und die Brühe in Gärten und Keller entlang der Straße An der Wuhle lief. Fälle wie dieser fielen in die Rubrik der fast 40 Wasserschäden, zu denen die Feuerwehr seit der Nacht gerufen wurde. Hinzu kamen rund 20 Bäume, denen im durchweichten Boden der Halt verloren gegangen war. Nachdem am Freitag schon die Bahnhofstraße in Blankenburg wegen Überflutung gesperrt werden musste, wurden am Sonnabend auch eine Spur der Avus stadtauswärts unterspült und zwei Spuren der Köpenicker Landstraße wegen Überschwemmung dicht gemacht. Und die Feuerwehr berichtet geradezu ehrfürchtig, dass in der sonst eher knöchel- als knietiefen Panke jüngst ein Mann abgetrieben worden sei. Für Berliner Verhältnisse herrscht also Hochwasser.

Was nicht schon in Boden, Flüssen oder Kellern verschwunden ist, kann in den nächsten Tagen trocknen. Genauer: Von Dienstag bis Donnerstag „feiern wir ein Sommer-Comeback mit 24 bis 27 Grad“ prophezeit Büttner. Aber spätestens in der Nacht zu Freitag kämen wieder Schauer und Gewitter, auf die möglicherweise der nächste Landregen folge. Das Wochenende werde wohl durchwachsen bei knapp über 20 Grad. Ähnlich gehe es dann auch weiter – hinein in die letzte Woche dieser Sommerferien, die Anfang Juli mit einem Kälterekord und drei Regentagen am Stück begannen.

Mit durchschnittlich 17,3 Grad war der Juli laut Meteogroup nicht nur ein halbes Grad zu kühl, sondern auch zu grau: 167 Sonnenstunden in Dahlem bedeuten 75 Prozent des Solls. In Tempelhof waren es gar nur 70 Prozent, was laut Büttner auch an der untypischen Zugrichtung der Regengebiete lag: Sie kamen aus Osten.

Die Front am Ende des bevorstehenden Minisommers kommt immerhin wieder aus Westen und stellt damit das übliche mitteleuropäische Wettergeschehen wieder her. Doch die Chance, dass der Sommer doch noch schön wird, sinkt: Am 1. September beginnt der meteorologische Herbst. Allerdings könnte der nach übereinstimmender Meinung mehrerer Wetterdienste noch eine längere Schönwetterperiode bringen. Nicht, dass das wirklich absehbar wäre. Aber die Erfahrung lehrt, dass auf Mistwetter auch wieder schönes folgt. Stefan Jacobs

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