Berlin : Regierender Raufbold

Klaus Wowereit albert am heutigen Sonntagabend im Fernsehen mit Moderator Götz Alsmann herum. Darf das ein Landeschef?

Christian van Lessen

Da rangeln zwei Männer, mal geht der eine, mal der andere zu Boden. Der, der gerade oben ist und dem Raufbold unten an den Hals greift, bekommt dafür die Faust des anderen auf die Nase. Das sieht schlimmer aus als es ist. Es ist alles sowieso nur Spaß. Der, der gerade unten liegt, heißt Götz Alsmann, ist Moderator der WDR-Talksendung „Zimmer frei!“ Und der Mann mit der fremden Faust im Gesicht, der heißt Klaus Wowereit. In Deutschland nähert sich der Bekanntheitsgrad des Berliner Regierenden mittlerweile dem von Thomas Gottschalk oder Günther Jauch, den Größen auf dem Show-Olymp. Die Internet-Suchmaschine Google findet bei den Begriffen „Show“ und „Klaus Wowereit“ mehr als 6000 Einträge, in der Kombination mit „Spaß“ auch noch fast 3000. Eindeutig mehr als bei seinem spröde und trocken wirkenden Amtsvorgänger Eberhard Diepgen, der es aber immerhin noch zu rund 850 Show- und 660 Spaß-Einträgen im Internet gebracht hat.

Was sein Nachfolger heute vorturnt (die Fernsehsendung wurde aufgezeichnet, Wowereit ist in Buenos Aires), hätte Diepgen als Zumutung abgelehnt. Im Fernsehen erzählt Wowereit stolz über die Filmstadt Berlin, dass bald die Dreharbeiten für den US-Action-Thriller „Mission: Impossible 3“ beginnen, dass in Berlin viel „Action“ ist. Und er greift das Angebot zum filmreifen Nahkampf auf. Er prügelt sich und nimmt in Kauf, dass er dafür nicht nur Lob für seine lockere Art, sondern auch Wort-Prügel einstecken wird. Verträgt sich, werden Kritiker fragen, öffentliches Raufen mit dem hohen Amt in der deutschen Hauptstadt? „Es schadet nicht“, sagt Senatssprecher Michael Donnermeyer. „Er wusste nicht, was als Überraschung auf ihn zukommt, aber er war locker genug, es mit Lachen mitzumachen. Spielverderber wäre die schlechteste Rolle gewesen.“

Wowereit mit Damenschuh und Champagnerflasche, den Lebemann gebend, im Wort-Clinch mit einem Clown im mexikanischen Fernsehen oder als Seppel verkleidet in der „Wetten,dass..?“-Sendung: Eindrücke, die sich nicht nur in Berlin einprägen. Wie ist er nicht schon genannt worden: Regierender Party-, Promi- oder Zapfmeister, weil er die Feste feiert, wie sie kommen, tags darauf aber in seinem Amtszimmer mit verblüffender Kondition überrascht. Kritiker in den eigenen SPD-Reihen und in der Opposition bescheinigen ihm, ein fleißiger Mann zu sein. Auch wenn sie, wie der CDU-Fraktionschef Nicolas Zimmer, Engagement in tagesaktuellen Fragen vermissen. Doch viele erkennen auch an, dass Wowereit Berlin dabei nicht als die immer traurige Hochburg sozialer Brennpunkte, sondern als lebenslustige Metropole ins Gespräch bringt.

Er lacht von einem Wagen des Christopher-Street-Days, kämpft im Kinderkanal als Regierender Bürgermeister gegen Außerirdische und freut sich, dass sein Amtszimmer für die Story „Politbingo“ zum Filmstudio wird. Die Film- und Show-Branche kennt er wie kein zweiter Landespolitiker: Sabine Christiansen führte ihn die Promi-Welt ein, bei Alfred Biolek schwärmte er vom Kuchen-Dessert „Charlotte Lorraine“, in der Late-Night-Show von Anke Engelke brachte er das Publikum mit sprechenden Mülleimern der Stadtreinigung zum Lachen. Bei Kai Pflaume sprach er über „Ostalgie“. Mit Udo Walz diskutierte er bei Birgit Schrowange über ein Lieblingsthema, das Abnehmen…

Dass Wowereit „Wetten, dass..?“ nicht zuletzt dank seiner Freundschaft zu Thomas Gottschalk immer wieder nach Berlin holt, freut vor allem die Tourismus-Werber. Dass er eine als Dienstreise angekündigte Tour in die Partnerstadt Los Angeles mit einem Besuch bei der Familie Gottschalk verband, verübelte ihm allerdings die Opposition. Kritik gab es auch, als er sich in Mexiko-City gegen alle Sicherheitsbedenken abends allein die Stadt ansah. Aber im Notfall, die Show heute Abend beweist es, kann Wowereit eben auch Prügel einstecken.

„Zimmer frei!“, heute Abend, 23 Uhr, WDR

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