Berlin : Regina Klumpe (Geb. 1949)

Sie liebte ihre Gewohnheiten, hasste sich dafür.

Gregor Eisenhauer

Jeder hat ein Lied, das ihn zu Tränen rührt. Das schafft manchmal mehr Erleichterung als das lauteste Lachen.

Regina war ohnehin mit dem Unglück vertrauter. Ihre Kindheit verbrachte sie im Sauerland, zeitweise bei einer Pflegetante, bei ihren sehr strengen, sehr katholischen Eltern fühlte sie sich nie daheim.

Sie sprach wenig darüber, klagte nie, und lehnte das Erbe auch nicht gänzlich ab. Sie war zeitlebens sehr streng mit sich selbst, sehr diszipliniert, aber nicht religiös im anerzogenen Sinne.

Eine Zeitlang trug sie die Farben der Sannyasin, ihrem Freund zuliebe, und aus innerer Überzeugung, das war nicht so genau zu unterscheiden. Es gibt sie eben nicht, die eine „Beweisanbrausung“ fürs Leben, hätte sie gescherzt – und sich hinter diesem Scherz bedeckt gehalten, was ihre wahren Gefühle anging. Derer war sie sich selbst zeitlebens nicht sicher. Sicher war sie sich, dass etwas getan werden musste. Sie hatte Sozialpädagogik studiert, dann Pharmazie, arbeitete in der Gemeinschaftsapotheke Gropiusstadt, ein Kollektiv, dem sie treu blieb, weil sie den Zusammenhalt brauchte.

Regina hatte einen unübersehbaren Freundeskreis, und saß zuweilen doch auf dem Trockenen, inmitten der Brandung.

Sie sorgte sich liebevoll um den Sohn einer Freundin, aber eigene Kinder traute sie sich nicht zu. Sie mochte Männer, suchte Geborgenheit in ihrer Nähe, und scheute das Zuviel. Sie mochte Frauen, fand eine, die sie liebte, ohne sich zu verlieren, ohne sich zu finden. Sie blieb stets unschlüssig in ihrer sehr sachlichen Romanze mit dem Leben.

Was nicht heißt, dass sie keine Freude empfand – sie war unglaublich regsam. Joggte im Schlosspark, war mit dem Fahrrad unterwegs, sang im Chor Klassisches und zu Hause gelegentlich auch AC/DC, hatte jeden Tag vollen Stundenplan, und doch zuweilen einsame Sonntage.

Ihre Wohnung war schlicht eingerichtet, Ofenheizung, Kochmaschine, Vorkriegswanne. Sie nahm sich regelmäßig Untermieter, die meist zu Freunden wurden. An der Wand hingen zwei Bilder, von ihr als Kind gemalt, Sonnenblumen das eine, düstere Häuser das andere. Und Fotos ihrer irischen Freunde. Ein Jahr hatte sie sich Auszeit genommen, war mit dem Fahrrad über die Insel gefahren, hatte im Supermarkt gearbeitet, als das Geld ausging, und Hunderte von Fotos mitgebracht.

Regina führte Tagebuch, meterweise reihten sich die Kladden im Regal, neben den Fotoalben, in denen Tag für Tag protokolliert war. Die Tagebücher sollten verbrannt werden, so hatte sie in ihrem Testament verfügt, das sie lange vor ihrem Tod aufgesetzt hatte.

Sie konnte nicht aus ihrer Haut, wusste das, liebte ihre Gewohnheiten, hasste sich dafür und wurde immer trauriger, weil ihr das Leben zerrann. Therapien halfen nicht, eher schon ihr Chor: Kontrapunkte. 497 Lieder im Repertoire, traurige, fröhliche, aufrührerische; ihr Lieblingslied ein irisches: „May the road rise to meet you …“

Dazu kam es nicht, zum Happy End. Sie, die nie Alkohol trank, nur ab und an eine Zigarette rauchte, die jeden Kontrollverlust mied, kollabierte im Badezimmer.

Es war ein Mittwoch, ihr freier Tag, sie war verabredet mit einer Freundin, erschien nicht. Abends fand man sie bewusstlos in der Badewanne, eine Hirnblutung. Sie klarte auf, war ansprechbar, sprach darüber, wie ihr schlecht geworden war und sie sich in die Wanne hatte fallen lassen. Sie begriff: „Ich bin nicht mehr Herr meiner Sinne.“

18 Monate lag sie in einer Art Wachkoma. Sie hatte jeden Tag Besuch. Ihre Chorschwestern kamen regelmäßig und sangen, auch auf ihrer Beerdigung.

Sie behielt ihre Wohnung, obwohl es klar war, dass sie nie wieder zurückkehren konnte.

Sehr selten konnte man mit ihr reden, zeigte sie Reaktionen. Aber es gab kein wirkliches Erwachen, auch kein Entkommen vor den Schmerzen; keine Hoffnung auf Genesung, aber auch kein Vergessen der guten Zeiten.

Regina Klumpe hat eigentlich alles richtig gemacht in ihrem Leben und doch nichts gewonnen. Eins der traurigen Lieder. Gregor Eisenhauer

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