Berlin : Regisseur der Räume

Vor 50 Jahren floh der Architekt Peter P. Schweger aus Ungarn – nun baut er in Berlin das neue Collegium Hungaricum

Thomas Loy

Fast ist es, als hätte das Schicksal eingegriffen: Die Ungarn bauen ein neues „Collegium Hungaricum“, ein Kulturinstitut, an der Dorotheenstraße, schräg hinter dem Maxim-Gorki-Theater. Und den Wettbewerb hierfür gewann ausgerechnet ein Architekt, der einst aus Ungarn geflohen war, im Jahr des Aufstands, 1956. Er heißt Peter Paul Schweger, in der Fachwelt ein Großer, außerhalb kaum bekannt.

Das mag an seinem Naturell liegen. Schweger spricht mit gesenkter Stimme, sein ungarischer Akzent hat die Jahrzehnte in Hamburg, seinem Lebensmittelpunkt, unbeschadet überstanden. Ein kleiner Mann von hagerer Statur. Als Student in Zürich hat er gerudert und mehrere Wettbewerbe gewonnen. Noch immer beginnen seine Tage mit Morgengymnastik. Die übrige Zeit ist der Arbeit gewidmet.

Gebaut hat er in ganz Deutschland, das Kunstmuseum in Wolfsburg, den Tennis-Centrecourt am Rothenbaum in Hamburg, den „Main-Tower“ der Hessischen Landesbank in Frankfurt am Main und das Langenscheidt-Verlagshaus in München. Für Berlin entwarf er Teile des Jakob-Kaiser-Hauses am Reichstag, das Haus der Wirtschaft und das A+T-Hochhaus am Potsdamer Platz. Zusammen mit dem Berliner Architekten Sergei Tchoban hat er das größte Hochhaus Europas geplant, den Federation-Tower in Moskau. 448 Meter hoch soll das Gebäude werden, ohne Antenne 354 Meter.

Das Collegium Hungaricum ist bislang noch eine Baugrube. Das ursprüngliche Kulturinstitut war 1924 im ehemaligen Herzsch-Palais an der Dorotheenstraße 12 eröffnet worden. Vor allem ungarische Wissenschaftler wohnten dort während ihres Studienaufenthalts in Berlin. Bomben zerstörten das Gebäude. Erst 1973 wurde das „Haus der Ungarischen Kultur“ an der Karl-Liebknecht-Straße eröffnet. Der Umzug ins neue Haus am alten Standort ist für 2007 vorgesehen.

Geplant sind drei Gebäude auf einem gemeinsamen Fundament. Nach außen wird vor allem die große Glasfront des Festsaales wirken, dessen Licht nachts bis Unter den Linden strahlen soll. Die Fassade ist schlicht und klar, um die Wirkung der barocken Umgebung nicht zu stören. Ob der Bau gelingen wird, kann Schweger noch nicht sagen. Ob ein Konzept aufgegangen ist, lasse sich eigentlich erst nach Jahrzehnten beurteilen. Dann besucht Schweger seine Häuser, schaut, ob sie gepflegt sind und noch so aussehen, wie er sie einst übergeben hat. „Unzufriedenheit artikuliert sich durch Umbau.“

Schweger pflegt seine Biografie hinter einem tabellarischen Lebenslauf zu verstecken. Geboren 1935 im rumänischen Siebenbürgen, flieht er mit seiner Familie 1944 nach Budapest. Der Vater, ein Glasfabrikant, wird 1948 enteignet. Um an seine Patente zu kommen, stellen die Machthaber ihn vor Gericht. Zweieinhalb Jahre sitzt er im Gefängnis. Die Mutter, Österreicherin, lernt nie Ungarisch, zu Hause wird deutsch gesprochen. Zusammen mit seinem Bruder engagiert sich Schweger bei den Studentenprotesten. Im November 1956 macht er sich aus dem Staub, über die grüne Grenze nach Österreich. Sein Bruder wird wenig später verhaftet. Schweger kommt in ein Flüchtlingslager nach Wien und hat das Glück, von einer Schweizer Hilfsorganisation aufgesammelt zu werden. So landet er in Zürich und kann an der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule seine Studien fortsetzen. Architektur, sagt Schweger, sei das Inszenieren von Räumen. Dazu passt, dass er ursprünglich Theaterregisseur werden wollte.

Er kann Ungarisch sprechen, Heimatgefühle kenne er nicht, sagt Schweger. Weder Rumänien noch Ungarn fühlt er sich besonders verbunden. Was es für ihn bedeutet, 50 Jahre, nachdem er aus Ungarn geflohen ist, eine Repräsentanz für dieses Land zu errichten? Ein ganz normales Projekt, sagt er, um dann, nach mehrmaligem Nachfassen, eine kleine Emotion zuzugeben: „Es freut uns schon, das zu machen“.

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