REHATEST : Burgfrieden

Kein Partner, keine Großeltern und unsichere, stressige Jobs. Die Zeiten werden schwieriger für Mütter. Familie und Beruf lassen sich immer schlechter vereinbaren. Kuren genannte Rehas sollen dem Burn-out der Erziehenden vorbeugen

Matthias Lehmphul

In der Murmelburg ist es ruhig, nur vereinzelt schallt ein Kreischen über die Flure, ein Weinen mischt sich unter die hellen Stimmen. Kinder flitzen lachend Treppen hinunter – in Bademantel und Latschen. Draußen auf dem Hof parken Autos. Bunte Aufkleber wie „Achtung Baby“ zieren ihre Heckscheiben und auf den Rückbänken sind Kindersitze angebracht. Die Kennzeichen verraten: Ihre Besitzerinnen stammen aus Chemnitz, Hamburg, Frankfurt, Köln oder München.

Hinter dem fantasievollen Namen für das Gebäude steckt eine Geschichte: Die umgebaute Gründervilla mit dem Turmzimmer steht auf einem Hügel mitten in Buckow, eine Autostunde von Berlin entfernt. Vom Dorfzentrum aus gesehen ähnelt die Villa ein wenig einer kleinen Festung, eben ganz so wie in den mittelalterlichen Märchen. Und Schutz gewährt ihr Gemäuer auch im wirklichen Leben. Denn hier im Herzen der märkischen Schweiz am Scharmützelsee werden Mütter und ihre Kinder wieder fitgemacht für den Alltag. Das Haus beherbergte schon vor der Wende 1989 Schwangere und war eines von 15 Kurzentren in der ehemaligen DDR.

Melanie Schmidt (Name geändert) kommt aus dem Fichtelgebirge. Viereinhalb Stunden hat ihre Autofahrt in die märkische Schweiz gedauert, sagt die 27-Jährige. Es ist ihr erster Tag mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter Anna in der Mutter-Kind-Klinik. Sie sitzt im Kaminzimmer und trinkt einen Begrüßungskaffee. Die junge Mama trägt halblanges dunkelblondes Haar. Ihre eineinhalbjährige Tochter krabbelt auf dem Boden und lacht. „Ich weiß gar nicht, was mich hier erwartet“, sagt Melanie Schmidt. „Ich stelle mir eine Mutter-Kind-Kur eigentlich wie Urlaub vor.“

Ein Urlaub mit Handy. Während der drei Wochen Reha will Schmidt ihr mobiles Telefon nicht abschalten. Denn damit könne sie Bilder, die sie hier macht, nach Hause verschicken. „Der Papa leidet ja auch, und so können wir in Kontakt bleiben.“ Die junge Mutter lächelt verlegen. Sie sei im dritten Monat schwanger.

Ist eine Mutter-Kind-Kur also wie Urlaub? Nein, sagt Katja Wolle, Leiterin der Mutter-Kind-Reha Waldfrieden. Während der Rehabilitation wäre Entspannung wichtig, aber Ferien seien dennoch etwas anderes. Das Ziel einer solchen familienorientierten Reha sei es, Mütter und ihre Kinder emotional und körperlich „aufzupäppeln“. Zwei wichtige Vorraussetzungen dafür schaffe eine stationäre Klinik: Der Haushalt werde den Frauen abgenommen. Denn zu Hause sei der Alltag meist vollgepackt mit Einkaufen, Essenmachen und Wäschewaschen. Und die Kinder würden betreut. Aber das seien nur die Voraussetzungen für eine weit umfangreichere Aufgabe, die sich Ärzte und Therapeuten hier in der Mutter-Kind-Reha stellen. „Wir wollen den Frauen ein gesundes Selbstwertgefühl zurückgeben“, sagt Wolle. Und da seien die Mütter gefragt mitzuarbeiten.

Keine leichte Aufgabe: Denn meist kommen die Frauen in die Reha, wenn zu Hause gar nichts mehr geht. Sie leiden an Kopf- und Rückenschmerzen, Depressionen, Konzentrationsstörungen, Überforderung oder völliger Erschöpfung. Und die Belastungen steigen, hat Katja Wolle beobachtet. „Der Schweregrad der Erkrankungen ist höher geworden.“

Neu ist die Idee, Mütter zu pflegen, jedoch nicht. Mutter-Kind-Kuren sind in den fünfziger Jahren auf Initiative von Elly Heuss, der Gattin des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss, entstanden. Als Politikerin setzte sie sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Kind ein.

Über 60 Jahre später ist keine Lösung dieses alten Konfliktes in Sicht – im Gegenteil. „Die Instabilität von Familienverbünden nimmt zu“, sagt Klinikchefin Wolle. Vor allem, weil sich Paare schneller trennen würden. Hinzu kommt, dass sich immer weniger Großeltern um ihre Enkel kümmerten, etwa aufgrund schwieriger Familienbeziehungen oder einfach nur deshalb, weil die Entfernung zwischen den Wohnorten groß ist. Dadurch steigerten sich die alltäglichen Belastungen für beide Elternteile, vor allem aber bei den Müttern. Zudem erhöhten sich psychische Belastungen bei den Frauen wegen zunehmender Zukunftsängste. Weil sie Gehaltseinbußen oder gar Entlassungen fürchten oder weil die Chefs mit den beruflichen Anforderungen keine große Rücksicht darauf nehmen, dass ihre Mitarbeiterinnen Kinder haben.

2010 machten bundesweit 39 000 Mütter und 56 000 Kinder über das Müttergenesungswerk (siehe Kasten) eine dreiwöchige Rehabilitation. Eigentlich aber könnten rund zwei Millionen Mütter einen Antrag für eine solche Kur stellen, denn seit 2002 gibt es einen Rechtsanspruch darauf. Unter Vorlage eines ärztlichen Attestes dürfen sie alle vier Jahre eine Kur machen. Mütter von behinderten Kindern sogar öfter.

Doch viele Betroffenen lösten ihren Rechtsanspruch nicht ein, sagt Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. Den Müttern fehlten Informationen über Mutter-Kind-Kuren, aber oft auch die Unterstützung zu Hause, um den Antrag zu stellen, und schließlich fehle ihnen der Mut, für eine Zeit aus ihrem Alltag auszusteigen.

„Die meisten Erkrankungen sind psychosomatisch bedingt“, sagt Volker Melchert, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Mutter-Kind-Klinik. „Eigentlich sind die wahren Patienten hier die Familien“. Daher gehe es in der Reha auch weniger darum, Frauen und Kinder durch „diagnostische Mühlen“ zu drehen, sondern darum, die Persönlichkeiten zu verstehen.

Das wird in den nächsten drei Wochen auch für Melanie Schmidt und ihre kleine Tochter gelten. Anna krabbelt lachend durch das ganze Kaminzimmer. Sie wird bald ein „Schlossparkkäfer“ sein, wie die Kleinen hier in der Murmelburg genannt werden, und zusammen mit anderen Kindern in der Reha mindestens sechs Stunden täglich von Erziehern betreut.

Leiden die Kleinen unter chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma oder Verhaltensstörungen wie ADHS werden sie auch während der Reha therapiert. In einer Mutter-Kind-Klinik gelten Kinder aber in der Regel eher als Begleitperson. „Wenn die Rehamaßnahme aber eher dem Nachwuchs gilt, sollte sie in einer Rehaklinik für Kinder und Jugendliche durchgeführt werden“, sagt Volker Melchert (siehe die 5. und die 10. Folge des Rehaführers). Dann ist wiederum die Mutter die Begleitperson.

Hier in der Mutter-Kind-Klinik steht die Mutter im Mittelpunkt. Yvonne Schuster (Name geändert) kommt aus Halle. Auch sie ist mit dem Auto angereist. Die Alleinerziehende trägt lange schwarze Haare. Die Erzieherin hat hier eine vierwöchige Kur absolviert, steht kurz vor deren Abschluss. Sie sitzt im Sessel des Spielzimmers der Klinik und strahlt ihre beiden Kinder an. Sie war hier zusammen mit ihrer fünfjährigen Tochter Marlene und ihrem dreijährigen Sohn Peter.

Yvonne Schuster spricht offen über ihre Probleme. Grund für die Auszeit sind depressive Episoden, Esstörungen und Erschöpfung. Es habe ihr lange an Mut und Kraft gefehlt, ihren Liebsten auch einmal Nein zu sagen und für sich selbst zu sorgen, sagt sie. In Einzel- und Gruppentherapien sprach sie während der Reha mit Psychologen und anderen Müttern über ihre Konflikte. „Man fühlt sich nicht mehr so allein“, sagt Schuster. „Mit einer Kur lebt es sich leichter.“

Viele der Beschwerden bauten sich im Laufe mehrerer Jahre auf, sagt der Gynäkologe Melchert. „Es ist beeindruckend, wie viele Menschen ihren eigenen Körper vernachlässigen.“ Rückbildungsgymnastik nach der Geburt etwa sei für viele Frauen ein Fremdwort.

Neben Psycho- und Sozialtherapie ist Bewegung der entscheidende Schlüssel der Reha, ob nun im Wasser oder auf der Sportmatte. Mit Pilates, Yoga, Qigong oder Aerobic werden beispielsweise Beckenboden- und Rückenmuskulatur gestärkt. Denn meist klagten die Frauen über Schmerzen, die sich über den ganzen Körper verteilten, sagt Melchert.

Dass Frauen ihren Körper vernachlässigten, liege meist daran, dass alle Lieben in einer Familie immer etwas von der Mutter wollen. So ist das auch bei Yvonne Schuster. Ihr Alltag bestünde aus einem Dreivierteljob und den Kindern. Eigene Bedürfnisse blieben oft auf der Strecke. Doch das solle sich künftig ändern.

„Sich selbst ernst zu nehmen und auf die eigene Stimme zu hören, ist wichtig“, sagt Schuster. Ihren langgehegten Wunsch werde sie sich nun erfüllen. So möchte sie ihre Staffelei wieder aus dem Keller holen. Malen war früher ihr Lieblingshobby. Irgendwann verschwand es aber aus ihrem Leben. Während der Kunsttherapie habe sie nun wieder erfahren, dass die kreativen Stunden mit Pinsel und Farben ihr sehr guttun.

Gynäkologe Melchert geht davon aus, dass nach einer Reha die Patientinnen meist bis zu zwei Jahre lang deutliche Verbesserungen in ihrem Alltag spüren, weniger Krankheitsfälle inklusive. Doch nicht für alle Frauen ist eine Mutter-Kind-Kur das Richtige. Vor allem wegen der Nähe zu anderen Müttern, das könnte für manche Frauen eher eine zusätzliche Belastung sein, wenn die die verschiedenen Lebensentwürfe mit ihren eigenen vergleichen – und enttäuscht sind. Viele Frauen aber finden in der Murmelburg zueinander. Am Sandkasten der Kita fragt eine Mutter eine andere: „Kommste heute mit Pizza essen unten im Dorf?“

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