Berlin : Rehhagels Revier

Der Hertha-Trainer ist jetzt Dauergast an einer der besten Adressen Berlins. Dort kennt man ihn schon seit Jahren.

 Sven Goldmann

Am Portier vorbei durch die Glastür, dann gleich nach rechts, und schon ist Otto Rehhagel im Wohnzimmer. Eigentlich heißt das Wohnzimmer ja Gobelin-Halle, aber für Stammgäste ist ein Platz im Clubsessel vor dem offenen Kamin so selbstverständlich, dass sie auf offizielle Bezeichnungen keine Rücksicht nehmen müssen. Otto Rehhagel schaut öfter in Berlin vorbei, und im Hotel Kempinski an der Fasanenstraße Ecke Kurfürstendamm logiert er schon seit – ja, seit wann eigentlich? Seit Ewigkeiten, sagt die Hotel-Sprecherin Rabia Valtin, und weil das Personal ebenfalls nur alle paar Ewigkeiten wechselt, „kennt der Herr Rehhagel bei uns so ziemlich jeden, er grüßt auch jeden. Ein sehr, sehr freundlicher Gast.“

In diesen Tagen weilt der freundliche Gast wieder in seinem Hotel, und diesmal wird es ein wenig länger dauern als bei seinen letzten Besuchen, als er mal für ein verlängertes Wochenende vorbeikam, zu einem Pokalfinale oder Länderspiel, was gerade so anfiel. Der Staatsbürger Rehhagel wird am 18. März auf Vorschlag der Berliner CDU den Bundespräsidenten mitwählen. Vor- und nachher soll der Fußballtrainer Rehhagel Hertha BSC vor dem Abstieg aus der Bundesliga bewahren, und das braucht seine Zeit, ziemlich genau zehn Wochen. Am 5. Mai gastiert die TSG Hoffenheim zum letzten Saisonspiel in Berlin, und tags darauf würde Rehhagel nur zu gern als Retter im Cabrio durch das Brandenburger Tor fahren oder wenigstens durch das Marathon-Tor des Olympiastadions. Bis dahin plant er von seiner Suite im Kempinski aus die Mission Drinbleiben. Und keiner stört sich daran, was ein bemerkenswerter Gegensatz ist zur Behandlung seines Vorvorvorgängers Markus Babbel, den Boulevard, Klub und Fans wegen angeblich fehlender Identifikation mit der Stadt zum Teufel jagten. Hauptbelastungsargument gegen den Münchner Babbel war, dass er lieber im Hotel wohnte als eine Wohnung in Berlin zu nehmen.

Die Geschichte von Hertha BSC seit der Neuerfindung des Klubs Mitte der neunziger Jahres ist auch eine Geschichte seiner Trainer und deren Wohnquartiere. Der Aufstiegstrainer Jürgen Röber, wie Rehhagel ein Kind des Ruhrgebiets, nahm sich bald nach der Unterzeichnung seines ersten großen Vertrags eine Wohnung am Potsdamer Platz. Gern erzählte er von seinem Flügel, „ein echter Bechstein!“, und dass er öfter im Konzerthaus am Gendarmenmarkt vorbeischaue. Auch das verbindet ihn mit Otto Rehhagel, der sich seiner Passion als Kunstliebhaber und Freund des Staatsopern-Intendanten Jürgen Flimm rühmt.

Auf Röber folgte der praktisch veranlagte Huub Stevens. Der Niederländer richtete sich in der Nähe vom Teufelsberg ein, wo er mit seinem Hund die Laufstrecken abschritt, die später seine Spieler auskosten durften. Als Hertha mit Stevens Richtung Abstieg trudelte, kam als Nothelfer Hans Meyer. Der Pensionär begriff seinen Job wie Rehhagel als befristetes Projekt und zog in ein Apartmenthaus unweit seines Trainerzimmers auf dem Olympiagelände. Sein Nachfolger Falko Götz nahm sich mit langjähriger Berlin-Erfahrung eine Wohnung in Charlottenburg mit Blick auf die Bundesbank. Der bescheidene Schweizer Lucien Favre wohnte in Schmargendorf und baute zur Tarnung einen Buchstabendreher im Namensschild. Und dann kam auch schon Markus Babbel. Und mit ihm die Diskussion über Trainer im Hotel.

Das könnte eine schöne literarische Vorlage sein. Nur hat Vicki Baums „Menschen im Hotel“ von 1929 mit dem Trainerleben im dritten Jahrtausend ungefähr so viel zu tun wie Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ mit Fußball. Es geht in dieser Kolportage um seelisch deformierte und physisch kranke Menschen, und so weit wären im Fall Babbel auch die wüstesten Hertha-Fans nicht gegangen. Aber übel genommen haben sie ihm das Verweilen im Esplanade am Lützowufer schon, da konnte der Strohwitwer Babbel noch so oft erzählen, wie praktisch das sei mit Wäschewaschen, Bettenmachen und jeden Tag Frühstück und so. Als er Ende Dezember 2012 gehen musste, bezog der neue Trainer Michael Skibbe vorsichtshalber schon nach ein paar Berliner Tagen eine Wohnung. An der Habelschwerdter Allee, nicht weit weg vom FU-Campus, wo der Berufsjugendliche Skibbe gewiss gut aufgehoben war. Half ihm alles nichts. Nach fünf Niederlagen in fünf Spielen musste er die im Mietvertrag verankerte Kündigungsfrist in Anspruch nehmen.

Eine Woche später hielt Otto Rehhagel Einzug im Kempinski, und es ist ein bisschen so wie im Sommer 1963, als er mit 24 am Theodor-Heuss-Platz stand, den Kaiserdamm hinunterblickte und sich sagte: „Jetzt hast du es geschafft!“ Fußball war Rehhagels Chance zum sozialen Aufstieg, und das alte West-Berlin wird für immer damit verbunden sein. Vielleicht residiert Rehhagel auch deswegen so gern an der Fasanenstraße. Gedächtniskirche, KaDeWe, Zoo – alles in Fußwegnähe. Mehr West-Berlin geht nicht.

Dazu spiegelt das Kempinski die materielle Seite des sozialen Aufstiegs. Draußen wartet der livrierte Portier unter dem glühbirnenbestückten Baldachin, drinnen künden Dependancen von Karl Lagerfeld, L’Oréal oder KPM von selbstverständlichem Wohlstand. Langzeitgäste bekommen neben reduzierten Raten schon mal Bademantel mit eingestickten Initialen, und selbstverständlich weiß der Ober in der Gobelin-Halle, welches Getränk unaufgefordert zu servieren ist. „Eventuelle Sonderwünsche unserer Stammgäste sind im System gespeichert“, sagt die Hotel-Sprecherin Rabia Valtin, aber – leider, leider, könne sie dazu im Fall des Herrn Rehhagel keine Angaben machen: „Sie verstehen, die Privatsphäre unserer Gäste liegt uns sehr am Herzen.“ Ist der Zehn-Wochen-Gast Rehhagel eine Ausnahme? Nein, sagt Frau Valtin, „wir haben Gäste, die verbringen von 365 Tagen im Jahr 200 bei uns.“

Markus Babbel hat noch ein bisschen länger durchgehalten, knapp eineinhalb Jahre. Das Esplanade am Lützowufer aber steht für einen anderen Typus Hotel. Gegenüber dem wuchtigen Bau wartet eine Schiffsanlegestelle auf Kundschaft, vor dem Hotel warten Busfahrer auf ihre Reisegruppen. Im Foyer sind Frühstückstischchen aufgebaut, die Gäste sind jünger und weniger gesetzt, die Fahrstuhlmusik schwer zu überhören. Ist die Vermutung abwegig, dass das laute und aufgeregte Berlin, über das der Münchner Babbel so gern und oft polemisierte, auch seinen Alltag im Hotel prägte?

Auch die Abende im Esplanade gestalten sich eher selten als lauschige Stunden vor dem Kamin. Die Gäste zieht es in Harry’s New York Bar, eine der bekanntesten Lokalitäten der gepflegten Abendunterhaltung der Stadt. Harry’s New York Bar ist die Schwesterbar des „Harry’s“ in Paris, wo der Legende zufolge Bloody Mary Sidecar und Blue Lagoon erfunden wurden. Zu den Stammgästen zählten F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway.

Könnte dem Kunstliebhaber Otto R. auch ganz gut gefallen.

Rehhagels erstes Spiel: Seite 17

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