Berlin : Rehkeule für die Herren vom Vorstand

Zu Hause steht seine Frau am Herd. Zu DDR-Zeiten war Frank Flemmig ein Spitzenkoch, heute kocht er mit seinem Team täglich für 5000 Menschen. Er beliefert Schulen, Firmen und große Banketts

Tanja Buntrock

Lange Höflichkeitsfloskeln sind wohl nichts für ihn. „Mitkommen“, sagt Frank Flemmig. Er marschiert schnellen Schrittes in seiner schwarz-weiß-karierten Koch-Hose und den weißen Gesundheitsschlappen den passend gekachelten Gang der „VSG - Die Facility Profis“-Großküche entlang. Chefkoch Flemmig ist im Stress, schließlich kommen heute wieder Herren aus dem Vorstand, und die müssen bekocht werden: Klares Waldpilzsüppchen mit gezupften Gartenkräutern, geschmorte Rehkeule in Wacholderrahm mit gefülltem Rotkohlblatt, zum Dessert Grießtörtchen auf Amarettokirschen. „Das läuft alles nebenbei“, sagt Flemmig. Seit zwei Jahren arbeitet der 50-Jährige für die VSG, seit kurzem ein Tochterunternehmen des Energiekonzerns Vattenfall Europe. Die VSG ist spezialisiert auf Catering. Flemmig kocht, backt und brät mit seinem Team für über 5000 Menschen am Tag: darunter die Mitarbeiter der 15 ostdeutschen Vattenfall-Kraftwerke, Kinder in Schulen und Kindergärten und nebenbei die Caterings für Staatsempfänge, Wirtschaftstreffen und Banketts.

Dass mit Flemmig ein DDR-Spitzenkoch für sie den Löffel schwingt, wissen wohl die wenigsten, die seine Gerichte und Canapés verköstigen. „Flemmig? Keine Ahnung“, so reagieren auch ausgewiesene Kenner der Spitzenkoch-Szenerie. „Muss man mich denn kennen?“, fragt Flemmig während in seinem Gesicht nun plötzlich ein kurzes Lächeln aufblitzt.

Es sei ihm egal, dass man seinen Namen nicht gleich mit weißer Kochmütze und delikaten Kreationen in Verbindung bringt. Sicher, seine Kollegen treten in Kochduell- und anderen Fernsehsendungen auf. All das sei nichts für ihn, winkt er ab.

Flemmig spricht Erzgebirgs-Dialekt, denn dort ist er aufgewachsen, genauer gesagt in Aue. Er lernt Koch in einem Hotel. Schnell steigt er auf, wird stellvertretender Küchenchef und geht Mitte der achtziger Jahre nach Ost-Berlin als Chefkoch ins „Grand Hotel“, dem jetzigen Westin Grand an der Friedrichstraße. Die schicken ihn sogar für sechs Monate nach China, damit er dort die asiatische Küche kennen lernt. „So etwas gab’s ja bei uns gar nicht“, merkt er vorsichtshalber an. Hinterher half er beim Aufbau und der Organisation des ersten China-Restaurants an der Leipziger-/Ecke Friedrichstraße.

Nach der Wende bekocht Flemmig Prominente wie Boris Becker, Franz Beckenbauer oder Bernhard Brink im Golfclub in Bad Saarow. Leicht und gesundheitsbewusst sollte es für die Herrschaften sein („Spargel-Gemüse und Brandenburger Gänsebrust“). Sepp Maier habe sich sogar zweimal am Büfett bedient, weil es ihm so gut geschmeckt hätte, erinnert sich Flemmig. Jetzt, als Kantinenkoch könne er nicht mehr Weltmeister werden, gesteht Flemmig ein, „aber wenigstens zum Mittelfeld gehöre ich.“ Auch zu Hause zeigt er diesbezüglich keine Eitelkeiten: Daheim kocht seine Frau. Aber erst fünf Jahre, nachdem sie sich kennen gelernt hatten – vorher habe sie sich dann doch nicht getraut.

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