Berlin : Reichstag: Pilgerfahrt zum Sitz des Bundestages

Thomas Loy

Heute kommt die Standortsanitätszentrale Hildesheim vorbei. Dann drei Einzelgäste für Seehofer. Gymnasium Sundern, 23 Leute für MdB Merz. Danach die Gruppe von Frau Süssmuth. Nur die zehn Rollis fehlen noch. Waltraud Barth greift zum Funkgerät. "Volker für Waltraud. Vielleicht sind die durch den Behinderteneingang. Sonst fang schon mal an." Hoffentlich hält Volker durch. Wegen Zahnschmerzen hat er die ganze Nacht nicht geschlafen. Knacken im Lautsprecher, dann eine weibliche Stimme. "Die sind nass, die Sitze." Das kommt von der Nordtribüne. Eben hatte die Dame vom Reinigungsdienst noch behauptet, sie würden erst am Montag mit dem Schamponieren anfangen. Waltraud an alle: "Bitte nur die Südtribüne benutzen."

Fängt langsam an, der Stress. Für jemanden, der Experte darin ist, "kurzfristig Sachen zu organisieren" ist Stress aber eher eine belebende Herausforderung. Waltraud Barth würde sich nie verzeihen, Anzeichen von Überforderung auszusenden. "Ich nehme meine Arbeit sehr ernst." Gerade wenn alle Drähte heißlaufen, womöglich noch politikverdrossene Menschen vor einem stehen, übt sie sich in "entwaffnender Freundlichkeit". In der "Freud- und Leid-Akte", wo die Rückmeldungen für alle Mitarbeiter des so genannten Besucherführungsdienstes gesammelt werden, ist das Ergebnis dann nachzulesen. "Fast nur Freude", sagt Frau Barth. Sowas macht sie dann glücklich. Die Mittfünfzigerin managt die Besucherströme, die durch den Reichstag geschleust werden. Täglich kommen bis zu 2000 Menschen. Die meisten hören sich einen 40- minütigen Vortrag auf der Besuchertribüne des Plenarsaals an und steigen danach in die Kuppel. Die Kapazitäten des Hauses sind annähernd erschöpft, sagt Frau Barth. Das soll der einzelne Gast natürlich nicht merken. 22 freie Dozenten teilen sich die Führungen und Vorträge im Haus. In Bonn waren es zuletzt 16. Seitdem haben sich die Besucherzahlen mehr als verdoppelt (siehe Kasten). Frau Barth fing 1986 im Alten Wasserwerk selbst als Honorarkraft an. Noch früher, im alten Bundestagsgebäude, wurden Besucher mit Auskünften zufrieden gestellt, die teilweise noch vom Tonband kamen. Frau Barth fühlt sich als Repräsentantin des Bundestages. Sie möchte den Parlamentarismus vermitteln, natürlich parteipolitisch streng neutral. Zum Beispiel die Gretchenfrage beantworten, warum das Plenum so oft leer ist. Und warum? "Na, das weiß man doch. Die eigentliche Arbeit wird in den Ausschüssen gemacht." Vorträge hält sie selbst schon lange nicht mehr. Sie kümmert sich eher um die kleinen und großen Sonderwünsche. Gestern wollte plötzlich der mazedonische Außenminister eine Tour durchs Haus machen. Oder es kommt ein Schreiben an: Könnten Sie nicht für die Familie einer guten Schulfreundin aus meinem Wahlkreis noch eine "Lücke" finden? Oder der Notruf eines versprengten Rentners, der seine Gruppe verloren hat. "Die wissen manchmal gar nicht, wie der Abgeordnete heißt, der sie eingeladen hat." Als der Umzug nach Berlin anstand, habe sie sich freiwillig gemeldet, sagt Frau Barth. Das sei eben wieder eine Herausforderung gewesen. Wer zuvor fünf Kinder großgezogen hat, traut sich das auch zu. Nur das Pendeln ließ sich nicht vermeiden. Das Haus mit Garten in der Bonner Südstadt ist eine feste Größe in ihrem Leben. Dort ist die Familie, drumherum wohnen langjährige Freunde - "eine ganz andere Welt". Dahin wird Frau Barth Ende des Jahres wieder zurückkehren.

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