Berlin : Reif für die Manege

In der Artistenschule Contraire werden Berliner zu Zirkusstars ausgebildet

Anna Fischhaber

Sechs Minuten dauert Christins Auftritt, drei Jahre hat sie dafür geprobt. Wenn sie auf der Bühne mit Feuer, Keulen, Reifen und Bällen jongliert, stimmt jede Bewegung. „Es kommt auf die Koordination an, man muss den richtigen Winkel treffen“, sagt die 18-Jährige, während sie mit vier Keulen vor einem großen Spiegel übt. Immer und immer wieder. Trainieren kann man als Artist nie genug. Das findet auch Laura. Ihr Hobby nennt sich Kautschuk und ist eine außergewöhnliche Form der Akrobatik, bei der Körper in Positionen verbogen werden, die für die meisten Menschen ziemlich schmerzhaft aussehen. „Es tut nicht weh“, beteuert das Schlangenmädchen, „man muss gelenkig sein, aber am wichtigsten ist das Training.“ Trotzdem wirkt ihr Gesichtsausdruck angestrengt, als sie versucht mit dem Fuß ihren Kopf zu berühren. „Lächeln, du musst lächeln, Laura, sonst nimmt man dir das nicht ab“, ruft Jutta Schönherz. Die 50-Jährige ist die Trainerin der Mädchen und die Leiterin der Artistenschule Contraire.

Jongleure, Schlangenmenschen und Akrobaten kennt man sonst mit glitzernden Kostümen und eindrucksvollen Darbietungen aus dem Zirkus und den Varietés. Was auf der Bühne unmöglich erscheint, kann man bei Contraire lernen. Ausprobieren und Mitmachen lautet das Motto. Früher war Jutta Schönherz Trapezkünstlerin und Equilibristin auf dem Hochmast bei den Luftkometen Berlin. Zehn Jahre lang. Dann hat sie sich selbstständig gemacht. Seit 25 Jahren leitet sie ihre eigene Artistenschule. 50 Mädchen trainieren derzeit in den hellen, großzügigen Trainingsräumen von Contraire, im Erdgeschoss eines denkmalgeschützten Backsteinhauses in der Köpenicker Altstadt. Bereits Fünfjährige lernen hier, auf Kugeln zu balancieren, mit Tüchern zu jonglieren, Hula-Hoop-Reifen kreisen zu lassen.

Artistik bietet viel Freiraum für Fantasie und Kreativität, man kann dabei seine Talente und Grenzen entdecken und ein Gefühl für den eigenen Körper entwickeln, sagen die Verfechter der Zirkuspädagogik. Individuelle Höchstleistungen und das Engagement in der Gruppe helfen bei der Persönlichkeitsentwicklung, sagt Schönherz. Ihre Schülerinnen erhalten zunächst eine Grundausbildung. Dazu gehört neben Krafttraining, Dehnung und Stretching, eine gymnastische, tänzerische und akrobatische Ausbildung. Wer Talent hat, macht weiter. „Je älter die Mädchen werden, desto differenzierter werden auch ihre Vorlieben für bestimmte Genres und sie entwickeln ganz persönliche Nummern“, sagt Schönherz. Und auch die Lust am Trainieren nehme immer mehr zu. „Manche sind dann richtig besessen.“

Die Schule im Internet:

www.artistenschule-contraire.de

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