Berlin : Reimar Krause, geb. 1939

Ursula Engel

1986 zerbarst der Atomreaktor in Tschernobyl. In diesem Jahr veränderte sich das Leben der Krauses von Grund auf. Reimar Krause, Lehrer für Biologie, Erdkunde und politische Weltkunde, damals Mitte 40 und nach einem Autounfall bereits in Frührente, hatte auf einen Wechsel geradezu gewartet.

Damals war das Ehepaar mit einem Wohnmobil in Amerika unterwegs, ein ganzes Jahr lang. Es war nicht nur die Reiselust, die sie dorthin brachte: Ingrid und Reimar Krause wollten nachdenken, wie es mit ihrem Leben weitergehen sollte.

In Carracas trafen sie zwei Eheleute, die Mitglieder bei Greenpeace waren. Sie führten Gespräche über die Ökologie und über die Verantwortung für die nächste Generation. "Auf einmal sahen wir den Müll, den wir produzierten, erkannten, dass wir die Erde kaputt und verwüstet hinterlassen würden, wenn wir nichts ändern", erzählt Ingrid Krause heute. Als die beiden aus Amerika zurückkamen, war die zukünftige Richtung klar. Doch wo anfangen und wie?

Sie kauften nur noch Pfandflaschen, nahmen keine Plastiktüten, sondern Stofftaschen zum Einkaufen, versuchten Müll zu vermeiden und kauften bewusster Lebensmittel ein. Reimar und Ingrid Krause wurden Ökologen, wenn auch keine fundamentalistischen: "Wir haben immer ganz pragmatisch überlegt, was wir ändern und was nicht. An manchen Punkten haben wir uns ganz bewusst für Ausnahmen entschieden." Für Ingrid Krause war es das Auto, bei Reimar Krause das Rauchen, gutbürgerliches Essen und ein Gläschen Schnaps.

Aber im Prinzip galt: Weniger ist mehr. Statt zwölf Kilowattstunden Elektroenergie am Tag verbrauchten die Krauses bald nur noch sechs. Dann besuchte Reimar Krause einen Greenpeace-Vortrag über Solarenergie - und fand damit sein großes Thema. Er las alles, was er zur Sonnenenergie finden konnte, und fuhr mit seiner Frau nach Israel, um sich anzusehen, wie sie dort aus Licht Wärme und Strom erzeugen.

Und er arbeitete für Greenpeace: Reimar Krause formulierte Protestschreiben und Anfragen an Politiker, und er nahm Kontakt zu Umweltgruppen in der DDR auf. Interviews und Fernsehauftritte überließ er jedoch anderen.

Ende der Achtziger ging Krause zum Bauamt: Er wollte eine eigene Sonnenanlage: Warmwasserkollektoren und eine Photovoltaikanlage sollten aufs Dach. "Beim Bauamt wusste damals keiner was das war. Wenn Sie aus Sonne Energie gewinnen wollen, sagte man uns, müssen Sie entweder ans Mittelmeer ziehen oder in die Sahara", erzählt Ingrid Krause. Der Bauantrag wurde abgelehnt.

Nun wandte sich Reimar Krause doch einmal an die Medien. Mit Erfolg. Es dauerte nicht lange, da stand der Tempelhofer Bürgermeister im Garten von Krauses und musste vor der Kamera zugeben, dass die Ablehnung der Solaranlage ein Fehler war. Mit der Baugenehmigung war der erste Schritt getan. 1989 war die Solaranlage auf dem Dach am Tempelhofer Schreiberring 5 die erste in der ganzen Republik, die darauf ausgelegt war, Strom nicht nur fürs eigene Haus zu erzeugen, sondern auch ins Energienetz einzuspeisen.

Wie viele Hürden noch zu nehmen sein würden, ahnten die Krauses allerdings nicht. Mehr als zehn Jahre lang kämpfte der Ökologe für eine kostendeckende Bezahlung des Sonnenstroms. Andere Sonnenenergie-Einfänger hatten nicht den langen Atem und manipulierten ihre Stromzähler: Entsprechend ihrer Stromproduktion ließen sie sie rückwärts laufen. Krause aber ging es nicht ums Geld sondern ums Prinzip. Sein Haus wurde zum Modellhaus. Fast täglich kamen Filmteams, Volkshochschulkurse, Abiturklassen und Fachpublikum zur Besichtigung. "Wir hatten eine große Kiste mit Filzpantoffeln besorgt, damit der Holzfußboden diesem Ansturm standhalten konnte."

Anstrengend sei es gewesen, aber eben auch wunderbar. "Wir hatten das Gefühl das Richtige zu tun. Es war eine sehr schöne, reiche Zeit für uns", sagt Ingrid Krause. Nach und nach wurden immer mehr Häuser in der Siedlung mit Solaranlagen ausgestattet. Bald belächelte niemand mehr die Krauses. Und als die rot-grüne Regierung im vergangenen Jahr dann auch noch die kostendeckende Bezahlung des Solarstroms beschloss, war das für Reimar Krause ein Triumph. Er betrachtete jede neue Solaranlage in Berlin als persönlichen Sieg.

Eigensinnig blieb er bis zum Schluss. Trotz der Diagnose Lungenkrebs rauchte er bis zum Ende weiter. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch und nach Rücksprache mit seiner Frau wurden keine künstlich lebensverlängernden Maßnahmen ergriffen.

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