Berlin : Reine Ansichtssache

Eine historische Postkarte gesucht? Dann lohnt der Blick ins Antiquariat – oder ins Internet Zwei Berliner Händler haben sich ganz und gar der alten Zeit verschrieben

Anne Haeming

Im Jahr 1945 ist Schluss. Alles, was danach geschrieben, getippt oder gemalt wurde, interessiert Daniel Seidel nicht. Er handelt ausschließlich mit Postkarten, die vor 1945 gedruckt wurden. Dabei alles andere als von gestern. In seinem zweistöckigen Büro in der Linienstraße 156 in Mitte herrscht typische Kreativenatmosphäre: Stahlrohrmöbel, Computer. Die antiquarischen Schätze sind obendreinnach den heute gültigen fünfstelligen Postleitzahlen geordnet. „Die anderen Händler haben die vierstelligen Postleitzahlen beibehalten, sonst hätten sie bei der Umstellung ihre ganzen Bestände neu ordnen müssen“, sagt Geschäftsführer Daniel Seidel.

Gehandelt werden die Karten ebenfalls ganz modern – via Internet. Der Schriftzug „www.ansichtskartenversand.com“ zieht sich durch beide Stockwerke. Draußen steht dezent „Bartko-Reher. Antiquitäten“. „Im Monat brauchen wir bis zu 50 000 neue Karten, pro Tag verschicken wir 400, manchmal auch das Doppelte.“ In seinem Büro lagern gerade 24 600, ungefähr. Seidel liefert die Fakten und deutet auf Regalreihen mit sorgfältig beschrifteten Kartons und den Karteikasten mit orangefarbenen Trennkarten und den Postleitzahlen. Unter mehr als einer Viertelmillion Karten kann der Kunde im Internet wählen.

Die Firma gibt es seit 1994, Seidel hat 1996 als studentische Aushilfe angefangen, und als die Gründer 2003 beschlossen, von Halle nach Berlin zu ziehen, ist er mitgegangen. Die Kunden sind typische Sammler, andere landen zufällig bei ihnen, Ebay sei Dank. Die Firma mit ihren acht Festangestellten und 15 studentischen Hilfskräften lebt auch davon, dass manche „drei Glückwunschkarten für Oma“ erwerben. Stadtansichten aus Berlin, Massenware über das Brandenburger Tor, Raritäten wie etwa eine Karte aus der Brunnenstraße. Nur die Mitarbeiter stöbern hier noch in staubigen Schachteln. „Wir sind definitiv untypisch für die Branche“, sagt Daniel Seidel und zieht eine Karte aus dem Karton mit Neuzugängen. „Bühl“ steht in Schnörkelschrift unter einer colorierten Landschaft. „Das ist eine Gruß-aus-Karte“, erläutert er. Auf der Rückseite: statt Text nur der Adressat, ein Pfälzer Lehrer, und eine grüne Briefmarke zu fünf Reichspfennig. Bis 1905 war es verboten, etwas anderes als die Adresse auf die Rückseite zu schreiben, erklärt Seidel. In postalischer Geschichte kennt er sich mittlerweile wie ein Sammler aus. Er ist keiner, würde auch nie einen einstellen: „Sie wären zu sehr auf die Karten fixiert.“

Das sieht Susanne Kahl genauso. Zusammen mit ihrem Mann führt sie das alteingesessene „Empore Kahl“ in der Kurmärkischen Straße 12 in Schöneberg. „Wenn man selber sammelt, kann man nichts verkaufen – man will es ja am liebsten behalten!“ Davon abgesehen ähneln sich die beiden Ansichtskartenläden wenig. Im dunklen Souterrain der Kahls ist man von Regalwänden mit Holzschubladen umgeben. Stöbern gehört hier zum Geschäftsprinzip, seit die Kahls 1984 langsam angefangen haben, ihr Hobby zum Beruf umzubauen. Nach der Flucht aus der DDR mussten sich die beiden Grafiker etwas ausdenken. Sie haben zwar auch schränkeweise Autogrammkarten, aber eben auch 100 000 Postkarten aus den Jahren 1890 bis 1950. Ge- und verkauft wird sonntags auf Flohmärkten, mitunter Stück für Stück. Im Vergleich zu den Kollegen in Mitte eher Handarbeit.

Stammkunden ruft Susanne Kahl an, wenn ein interessantes Objekt eingetroffen ist. Liebhaberstücke sind etwa „alles, was mit Kolonien zu tun hat“. Oder Karten aus dem chinesischen Tsingtao, einem deutschen Pachtgebiet der Kaiserzeit. „Polen sind mitunter unsere besten Kunden“, erzählt sie. „Sie wollen ihre Geschichte aufarbeiten“, Postkarten funktionieren als Dokumente aus einer anderen Zeit. Ab 50 Cent gibt es bei Empore Kahl alte Werke – die Geschichte umsonst obendrauf. Teuer wird’s bei Exemplaren aus Prenzlauer Berg, sie sind rar. In dem traditionellen Arbeiterbezirk waren die Bewohner zu arm, um Ansichtskarten von daheim zu kaufen und verschicken zu können.

Die Läden im Internet:

www.ansichtskartenversand.com

www.empore-kahl.de

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