Berlin : Reine Entwöhnungssache

Nichtraucher in fünf Stunden? Das versprechen Seminare. Ein Selbsttest

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Die letzte Zigarette, die ich geraucht habe, habe ich aus einem Müllhaufen geklaubt. Ich habe auf dem Boden gekniet und in weggeworfenen Zigarettenschachteln gewühlt. Zwischen halb vollen Päckchen Lucky Strike, Camel und Davidoff habe ich sie gefunden – eine unbeschädigte, wenn auch nicht mehr frische Marlboro.

Den ganzen Nachmittag hatten wir – zwölf Raucher, die keine Raucher mehr sein wollten – vor dem Müllhaufen aus Zigarettenschachteln gesessen wie vor einem Lagerfeuer und geredet. „Nichtraucher in fünf Stunden“ wollten wir werden. Und jetzt waren die fünf Stunden um. Der Zeitpunkt war gekommen, die letzte Zigarette zu rauchen und dann die Packung wegzuwerfen, wie es Dutzende vor uns getan hatten. Ich aber hatte keine mehr und war umgeben von Pall MallRauchern. 14 Jahre lang hatte ich Marlboro geraucht, da konnte meine Letzte unmöglich eine Pall Mall sein. Also habe ich in den Haufen gegriffen. Das ist jetzt 17 Tage her.

Früher habe ich mir nicht vorstellen können, auch nur einen einzigen Tag ohne Zigarette auszuhalten. Schließlich habe ich erlebt, was aus Menschen werden kann, die sich das Rauchen abgewöhnen. Mein schwuler Freund Matthias zum Beispiel hat mit dem Stricklieseln angefangen, weil er nicht wusste, wohin mit seinen Händen. Also produzierte er meterlange Würste aus gelber Wolle. Die hat er dann zu Schals verarbeitet und an alle Freunde verschenkt. Wir waren sehr froh, als er wieder anfing, zu rauchen. Oder mein Opa. Er war 60, als er sich das Rauchen abgewöhnt hat. Dazu hat er sich eine Zigarette aus Holz schnitzen lassen. Wenn er rauchen wollte, hat er sich die in den Mund gesteckt und daran gezogen. Er hat sich sogar einen Aschenbecher hingestellt und so getan, als würde er abaschen.

Natürlich gibt es eine Menge Menschen, die Nichtraucher geworden und dabei normal geblieben sind. Aber jedesmal, wenn ich darüber nachdachte, das Rauchen sein zu lassen, sah ich mich in Gedanken schon dasitzen, mit Holzzigarette im Mundwinkel Wollwürste produzierend.

Ich habe es also erstmal mit nikotinfreien Kräuterzigaretten aus der Apotheke versucht. Aber das hat mehr Probleme gemacht, als das es half. Weil diese Zigaretten sehr seltsam riechen. Auf einer Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Unternehmer hatte ich mir so eine angezündet. Neben mir stand ein Herr im Nadelstreifenanzug. Naserümpfend fragte er: „Kiffen Sie etwa?“

Ein Seminar, das verspricht, mich in fünf Stunden zum Nichtraucher zu machen, ist für eine wie mich natürlich verlockend. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, dass es klappt. Gerda konnte das auch nicht. Sie hat im Seminar neben mir gesessen. Gerda ist Taxifahrerin und hat eine ganz tiefe Stimme. Das kommt wohl von den zwei Päckchen HB, die sie am Tag raucht. Aber auch Gerda hat am Ende ihre Zigaretten auf den Müllhaufen geworfen.

Das Seminar hat uns die Angst vor dem Nichtrauchen genommen. Seminare wie dieses können nämlich funktionieren – wenn sie weder Druck aufbauen noch belehren. Uns zumindest hat man keine fiesen Bilder von Raucherlungen gezeigt. Stattdessen habe ich gelernt, wie Sucht funktioniert. Nikotin ist ein Nervengift, das der Körper sehr schnell abbaut. Dann aber verlangt er sofort Nachschub. Für den Raucher bedeutet das Stress, der erst nachlässt, wenn er sich wieder eine ansteckt. Letztlich also macht eine Zigarette den Stress erträglich, den sie selber erzeugt.

Der Stress ist eine Entzugserscheinung, die man aushalten muss. Das Gute ist aber: Der körperliche Entzug ist nach zwölf Stunden vorbei. Aber die Lust auf eine Zigarette zu bekämpfen, ist auch Kopfsache. Für mich gehört eine Zigarette zu vielen Lebenssituationen einfach dazu. Morgens zum Kaffee, nach dem Essen oder zur 500 000-Euro-Frage bei „Wer wird Millionär?" Wie ein Pawlowscher Hund habe ich Dinge miteinander verknüpft, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Das auseinander zu dröseln, ist nicht einfach.

Die im Seminar haben gesagt, man werde sich leichter, frischer und freier fühlen ohne Zigaretten. Ersteres zumindest stimmt nicht. Ich habe fast vier Kilo zugenommen. Als ich noch geraucht habe, hat mich mein Mann „mein kleines Tierchen“ genannt. Jetzt nennt er mich nur noch „Tier“. Ich nehm’s nicht tragisch. Lieber ein paar Fettzellen mehr als den Körper voller Gift. Denn eine Zigarette enthält 600 verschiedene Stoffe, habe ich gelernt. Zum Beispiel Schwefel, damit sie besser brennt. Oder Zucker. Deswegen riecht eine frisch geöffnete Packung so angenehm süßlich. Aber wenn der Zucker verbrennt, entsteht Acetaldehyd – und das ist Krebs erregend.

Trotzdem, es gibt immer noch Situationen, in denen ich gerne eine rauchen würde. Vor allem morgens, beim Kaffee. Deswegen habe ich mir einen Zettel an die Küchentür gehängt. Darauf steht die Frage aus dem Seminar, die für mich entscheidend war. „Können Sie sich noch daran erinnern, wie Ihr Leben war, als Sie noch nicht geraucht haben?“ Ich kann es nicht. Aber ich will herausfinden, wie es ist.

Die Autorin ist Wirtschafts-Redakteurin beim Tagesspiegel. Sie hat braune Haare und braune Augen. Ein Foto von sich wollte sie nicht in der Zeitung sehen, weil es keins ohne Zigarette gibt.

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