Berlin : Reinemachen in Spray-Athen

20 Millionen Euro Schaden durch Graffiti: Als erster Bezirk will Charlottenburg-Wilmersdorf jetzt rigoros vorgehen

Cay Dobberke,Thomas Loy

Von Cay Dobberke

und Thomas Loy

Der Kampf gegen Graffiti geht in Berlin in eine neue Phase. Während der Senat sich zwar nicht geschlagen gibt, aber wegen Geldmangels nur noch politische Parolen oder sexistische Malereien beseitigen lässt, will der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf „den Schlendrian nicht mehr akzeptieren“. Das sagt Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) und kündigt eine etwa 100 000 Euro teure Reinigungsaktion an, die im März beginnen soll. Innerhalb eines Jahres will Gröhler alle öffentlichen Gebäude des Bezirks von Schmierereien befreien lassen – darunter 70 Schulen, 49 Kitas, 18 Jugendfreizeitheime und sechs Sporthallen. Neue Graffiti würden „sehr schnell“ wieder entfernt und zudem durch Schutzschichten erschwert, kündigt der Stadtrat an.

Den Anstoß für die Aktion gab für Gröhler vor allem ein Besuch im Grunewalder Walther-Rathenau-Gymnasium, wo ihm stark verschmierte Wände aufgefallen waren. Der Stadtrat glaubt an die so genannte Broken-Windows-Theorie, wonach kleinere Verschmutzungen und Zerstörungen zu immer mehr Vandalismus führen.

Pro Quadratmeter kostet die Graffiti-Entfernung etwa 30 Euro. Das summiert sich bei den Berliner Hauseigentümern im Jahr zu einer Summe von 15 bis 20 Millionen Euro. Allerdings befürchtet Dieter Blümmel vom Verband „Haus & Grund“ auch bei den privaten Hausbesitzern eine nachlassende Bereitschaft, Graffiti zu beseitigen oder Schutzschichten anzubringen. Der Grund ist auch hier die schlechte wirtschaftliche Lage. Graffiti sei trotz abnehmender Sprayer-Aktivität immer noch ein „Riesenärgernis“.

Der Senat hat wegen der aktuellen Haushaltssperre kein Geld mehr, um Schmierereien zu beseitigen. Nach einem Rückgang in den vergangenen Jahren verzeichnet Rolf Schumann von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung deshalb wieder eine steigende Tendenz bei Graffiti. Nach den vielen Millionen, die für das Programm „Saubere Stadt“ ausgegeben wurden, sei diese Erkenntnis besonders schmerzlich, so Schumann.

Im Kampf gegen Graffiti will der Senat enger mit den Metropolen Skandinaviens zusammenarbeiten. Die nordeuropäischen Hauptstädte haben sich zu einer Anti-Graffiti-Allianz zusammengetan, um den zunehmenden Sprayer-Tourismus auch aus Deutschland besser bekämpfen zu können. Berlin will sich auf verschiedenen Ebenen an dieser Allianz beteiligen.

In Skandinavien wird gegen Sprayer rigoros vorgegangen, hieß es. Graffiti werden sofort beseitigt und die Sprayer angezeigt. Außerdem gelte eine Art Informationssperre gegenüber den Medien, um den Sprayern keine Publicity zu verschaffen und Nachahmer anzulocken. Die Altersgrenze der Sprayer – in Berlin bei 20 bis 25 Jahren – liege in Skandinavien höher. Der älteste festgenommene Sprüher war 43.

Bei der Bereitstellung legaler Graffiti-Flächen, in Berlin beispielsweise im Mauerpark oder im Schöneberger Südgelände, haben die Skandinavier zwiespältige Erfahrungen gemacht. Zwar könnten sich die Sprayer dort austoben, würden aber auch ihren Nachwuchs rekrutieren. Karl Hennig vom Verein „Nofitti“ fordert härtere Strafen. Sonst würden immer mehr Bürger zur Selbstjustiz greifen.

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