Berlin : Reingucken ausdrücklich erwünscht

In Schöneberg öffnete ein Haus für Künstler

Christian Böhm

Der eine hatte genug von der Werbung und von Hannover: Jan Dommel. Er packte die Koffer und fotografierte sechs Monate lang die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs; er sah Sankt Petersburg, Island und die Kanarischen Inseln. Als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, entschloss er sich zu einem Neuanfang als Fotokünstler in Berlin.

Die Mixed-Media-Künstlerin Waltraut Tänzler lebte in einer Wohngemeinschaft in Mitte und arbeitete in einem Großraumbüro in der Lehrter Straße. Auch Architekten und Journalisten hatten dort ihre Schreibtische – und das passte nicht zusammen. Ihre Arbeiten hatten in den Schubkästen zu verschwinden, sobald die Architekten Besuch von der Bauleitung bekamen. Tänzler wollte schließlich Leben und Arbeit wieder zusammenbringen. Schöneberg war nach langem Suchen ein Kompromiss. „Auf dem schönen Berg“, sagte sie sich lange, um sich einzureden, dass das Leben nach Mitte auch in Schöneberg ganz hübsch werden würde.

Und die Malerin Ila Wingen ist mit ihrer fünfjährigen Tochter Thinley ins größte Wohnatelier des Künstlerhauses Feurigstraße 67 gezogen. „Es hat die beste Ausstattung, die man sich denken kann“, findet sie. Ihre Tochter genießt als Jüngste im Haus Narrenfreiheit. Sie läuft oft von einem Atelier ins nächste und durch Jan Dommels Fotostudio zur Schaukel in den Garten. Die Hausälteste ist 52. Inzwischen wohnen und arbeiten fünf Künstler im Atelierhaus. Sie nennen es kurz KHF67, haben ein Logo gestaltet und eine Ausstellung konzipiert, die am gestrigen Freitag eröffnet wurde.

Aus einer ehemaligen Wurstfabrik in einem vergessenen Winkel von Schöneberg ist ein attraktives Künstlerhaus geworden, findet Berlins Atelierbeauftragter Florian Schöttle. Es ist das vorerst letzte aus dem Senats-Förderprogramm für Modernisierung und Instandsetzung von Altbauten. Die Sanierung kostete 862 000 Euro. Für die nächsten 20 Jahre besteht eine Nutzungsbindung. Anschließend könnte das Haus, das sich im Besitz der Wohnbauten-Gesellschaft „Stadt und Land“ befindet, auch anderweitig genutzt werden.

Die Türen zum Künstlerhaus stehen meist offen, die Atelierwohnungen sind vom Lichthof aus teilweise einsehbar – von der Arbeit ihrer Nachbarn bekommen die fünf Künstler also einiges mit. So war es auch geplant, als zu Beginn des vergangenen Jahres die Instandsetzung des Hauses begann.

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