Berlin : Reinhard Schmitz-Irmer Geb. 1938 (Wie die)

jungen Amis wollte auch der junge Schmitz sein.

Judka Strittmatter

Der Tod kam zum Abendessen. Gerade noch hatte Reinhard Schmitz-Irmer den Duft gelobt, der aus der Küche drang und somit auch die Köchin, Heidi, seine Frau. Verheiratet waren sie seit 48 Jahren. Ein paar Minuten später war sein Leben um, ohne Vorwarnung, ohne leise Zeichen. Herzinfarkt, mit noch nicht ganz 70 Jahren. Früher einmal war das sehr viel Lebenszeit.

Aber wenigstens hat da einer seinen Traum gelebt. Über den Wolken. Das Lied von Reinhard Mey wurde Reinhard Schmitz-Irmer zur Lebenshymne. Geboren in Lichterfelde, ältester von zwei Brüdern, wurde er Jetpilot der Bundeswehr, Dienstgrad: Oberstleutnant. Schon früher hatten Flugzeuge großen Eindruck auf ihn gemacht. Zuerst, weil sie sein Leben gefährdeten, er sich verstecken musste vor ihnen – als Kriegskind im Bunker. Später, weil sie sein Leben sicherten und Essen einflogen – als Rosinenbomber in Zeiten der Luftbrücke.

Die amerikanischen GIs, kaugummikauend und in dicken Schlitten im Berlin der Nachkriegszeit unterwegs, verhießen ein weiteres Abenteuer: die Ferne. Wie die jungen Amis wollte auch der junge Schmitz sein. Und als wenn sich Lebensträume absichtslos in den Habitus, ins Aussehen einschleichen; irgendwie sah Reinhard Schmitz-Irmer amerikanisch aus. Ein Mann mit Polohemd, Pilotenbrille, Anmutung: bärbeißig-nett.

Mehr nett wahrscheinlich, umsonst hat einer nicht zeitlebens so einen Spitznamen weg: „Schmunzel“. Zwei Jahre Grundausbildung erfüllen gleich zwei seiner großen Hoffnungen: Er kann Flieger werden und ins Ausland. Ausbildung in Texas. Mit dieser fertig und zu Besuch in Berlin, fährt er bei Muttern in Lichterfelde im neuen Anzug und im roten Cabrio vor, der Dollar-Sold macht’s möglich. Muttern kriegt den Beifahrersitz für alle Ausflüge und Touren durch Berlin.

Aber nur bis 1960, dann taucht Heidi auf in Reinhards Leben, sie heiraten, werden Eltern. Berlin aber, als Wohnort, das ist vorerst nicht möglich, die Bundeswehr hat keinen Zutritt hier, nicht in Uniform. So verschlägt es die beiden in den Süden, mal ist er stationiert in Lagerlechfeld, mal in Büchel an der Mosel, Rammstein, Fürstenfeldbruck. Letzteres wird seine neue Heimat, auch wenn den Starfighter- und Tornadoflieger zwischendrin das Ausland ruft. Berliner bleibt er dennoch und ist immer da, wenn was passiert, etwa die Mauer fällt, oder Christo dem Reichstag eine Hülle gibt.

Mit dem Bruder, der viel jünger ist als er, verbindet ihn vieles. Hobbies, Segeln, Radfahren, Eigenheiten, wie das Auf-dem-Bauch-Liegen vor dem Fernseher. Und auch der Altberliner Brauch, den Bruder mit „Atze“ anzusprechen. Das Hochzeitsgeschenk für den Jüngeren, ein Teppich aus der Türkei, fliegt im Cockpit eines Starfighters in Deutschland ein. Der große Schmitz kann aber auch anders. Zickt er mal wieder oder ist launisch, dann nennt ihn seine Frau nur „Gisela“ und alle lachen. Seine Mutter hieß so. In der Bundeswehr gibt es seinerzeit viele „Schmitze“, und Reinhard, der unverwechselbar sein will, fügt dem Namen seines Vaters den der Mutter noch hinzu. So kommt es zu Schmitz-Irmer.

Auch im Privaten mag er sich von seinen schnellen Vögeln nie ganz trennen. Modelle des Unterschalljets F-84 und des Starfighter F-104 dekorieren sein Haus. Mit dem Starfighter flogen 116 Piloten in den Tod, weshalb er auch der „Witwenmacher“ hieß. Schmitz-Irmer, zur Absturzserie in den Sechzigern wohnhaft an der Landebahn in Lagerlechfeld, sieht einige herunterkommen. Ihn selbst hindert das nicht, Starfighterpilot zu bleiben, unfallfrei bis in den Tod.

Und wer weiß schon, der Himmel: Könnte doch sein, dass der und der Pilot sich treu bleiben über den Tod hinaus. Zur Beerdigung sang jedenfalls noch einmal Reinhard Mey. Diesmal jedoch „Gute Nacht, Freunde“. Ein Titel, den Schmitz-Irmer selbst gern auflegte, wenn er nach langen Quatschabenden den Gästen mit dem Zaunpfahl winken wollte. Judka Strittmatter

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