Berlin : Reinhard Stamm, geb. 1960

Thomas Loy

Die Kreiszahl Pi gefällt ihm. Sie führt den Menschen ihre geistige Unzulänglichkeit vor Augen. Ihre Schludrigkeit und Nachlässigkeit im Denken. Die meisten folgen ihr nur bis drei oder vier Stellen hinter dem Komma, dann werden sie schon müde und mäkeln herum, wie weit es wohl noch ist. Dabei ist der Weg zu ihr unendlich schön und klar, und ein Mathelehrer, der so gedankenlos nach der Beschreibung der Wegstrecke fragt, sollte viel Geduld mitbringen. Gymnasiast Reinhard Stamm jedenfalls, nach der Zahl Pi gefragt, beginnt seinen Vortrag - 3,141592653 . . . - und will nicht mehr enden. Solche provokanten Störungen des alltäglichen Miteinanders auf kleinstem gemeinsamen Nenner erfüllten Stamms Herz mit einer diebischen Freude.

Auch später, im Beruf als Architekt, kramte er gerne vergessene bauphysikalische Details oder selten zitierte Paragraphen hervor. Wer es sich zu einfach machen wollte, womöglich mit dem Verweis auf die Tradition - "das haben wir schließlich immer so gemacht" - musste mit einem kleinen, chirurgisch exakten Stich rechnen, mit dem Stamm ein ganzes Vorhaben zum Einsturz bringen konnte. Als im Bundesbauamt, für das Stamm einige Jahre arbeitete, eine Referentenrunde darin einig wurde, sich in einer unangenehmen Sache möglichst ohne Gesichtsverlust hindurchzulavieren, rekapitulierte er aus seinem unfehlbaren Gedächtnis den kurzen Gesetzestext, an dem die Lavieraktion wohl scheitern würde. Und alles blickte wieder auf ihn, den Unbestechlichen, den Unbeugsamen, den Unbeirrbaren und fragte sich: Warum macht er es uns nur so schwer? Und Stamm, äußerlich völlig ruhig und sachlich, dirigierte innerlich schon seinen Triumphmarsch.

Reinhard Stamm kam aus dem Pott, aus Essen, war aber ganz und gar kein "Püttologe" sondern aus großbürgerlichem Haus. Seine Mutter führte das Regiment, sein Vater brachte ihm bei, selbstständig zu denken. Stamm-Senior baute Brücken für die Bahn, also sollte Reinhard es auch mal zum Bauingenieur bringen. Doch nach dem Abitur bewarb er sich bei Joseph Beuys an der Kunstakademie in Düsseldorf. Ob er angenommen wurde und selbst zurückzog, oder ob Beuys ihn, den Analytiker und Perfektionisten, nicht wollte, ist nicht genau überliefert. Reinhard erzählte die Episode mal so, mal anders. Mit der eigenen Vergangenheit nahm er es nicht ganz so genau. Sie diente eher als Steinbruch für Anekdoten.

Zum festen Repertoire gehörte die "doppelte Konfirmation". Einmal in der Essener Stadtkirche, mit der Mutter an der Orgel, ein weiteres Mal beim Großvater im Osten, der evangelischer Pfarrer in Zittau war. Reinhard sollte fest verankert werden in dieser Welt. Zwar riss er sich später los, als das Abitur auf dem renommierten Essener Burggymnasium geschafft war, brach mit der bürgerlichen Zurschaustellung von Erfolg und Rang in der Gesellschaft, ging ins rebellische West-Berlin. Doch mit der protestantischen Ethik seines Elternhauses blieb er Zeit seines Lebens fest verwachsen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, das Finanzamt um seinen Anteil zu prellen oder einen Geschäftspartner auszutricksen. Am liebsten hätte er auf Verträge verzichtet und den Auftrag eines Bauherrn nur per Handschlag besiegelt.

Reinhard Stamm war in vielen Dingen sehr altmodisch. Die Glitzerwelt der Schönen und Neu-Reichen mit ihren schnellen Autos und großen Villen stieß ihn ab. Sein Ideal war das 70-Quadratmeter-Haus für Vier-Personen, auf engstem Raum mit allem Nötigen versehen, der geringe Platz optimal ausgenutzt. Stamm war ein Minimalist, beanspruchte für sich nur eine kleine Arbeitsnische, einen Beistift und das Eckchen eines zufällig herumliegenden Zettels. Jahrelang latschte er in den gleichen unzerstörbaren "Danske Loppen" durch das Büro.

Doch für das Ergebnis seiner Arbeit stellte er an sich und an die anderen die höchsten Ansprüche. Stamm arbeitete eigentlich immer. Er lebte die Architektur. Sprach man ihn auf Politik oder Privates an, kriegte er immer schnell die Kurve zurück in seine Lebenswelt der Formen, Grundrisse und Blickachsen. Zwar war da noch die Familie, seine Frau und die beiden Töchter, aber die bekamen ihn nur selten zu Gesicht. Oft war er erst spät abends vom Büro in Mitte zurück im Lichterfelder Reihenhaus.

Am 31. Mai 2000 kam die Diagnose: Ein Tumor, einer der seltensten und bösartigsten, bisher kaum erforscht. Die Chance, ihn zu bekommen, liegt bei eins zu einer Million. Die Mathematik des Schicksals hatte Stamm vor den Doppelpunkt gesetzt. Seine Zahl Pi, die schöne, unendliche, drohte vorzeitig abzubrechen. Er erzählte allen von seiner Krankheit, weinte, ließ sich umarmen, verlor vorübergehend die Balance. Und er fing sich wieder: Eine neue Aufgabe, eine weitere Herausforderung war zu meistern, schwieriger als alle Projekte zuvor.

Irgendwie befreite ihn die Krankheit sogar von der ständigen Last, der idealen Architektur nacheifern zu müssen.

Stamm ging ins Virchow-Krankenhaus, erst für Tage, später für Wochen. Ihm galt die ungeteilte Aufmerksamkeit der Spezialisten. Er empfing seine Freunde, diskutierte mit ihnen und richtete sich in seinem neuen Leben als Patient ein. Er, der Verstandesmensch, glaubte, auch diese Aufgabe lösen zu können, aber sein Körper widersetzte sich allen Therapieversuchen. Die Zahl Pi brach am 27. August 2001 ab, zwischen der 40. und 41. Stelle nach dem Komma.

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