Reinickendorf : Beste Randlage

Berlins Bezirke: Was sie auszeichnet, wie ihre Zukunftschancen stehen, wer in den Rathäusern regieren könnte - eine Serie zur Wahl am 18. September. Hier ein Ausschnitt unseres Beitrags über Reinickendorf. Ursula Engelen-Kefer erzählt, was sie hier für Erfahrungen sammeln konnte.

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Am liebsten Spazierengehen. Ursula Engelen-Kefer am Zeltinger Platz in Frohnau. Foto: Georg Moritz Foto: Georg Moritz
Am liebsten Spazierengehen. Ursula Engelen-Kefer am Zeltinger Platz in Frohnau. Foto: Georg MoritzFoto: Georg Moritz

Der Tipp kam von der Gegenseite, aber er fiel auf fruchtbaren Boden. Ursula Engelen-Kefer erzählte im Verwaltungsrat der Bundesanstalt für Arbeit von ihrer langen, fruchtlosen Suche nach einem Berliner Domizil, und der damalige Arbeitgebervertreter Christoph Kannegießer fragte, wie es denn mit Frohnau wäre? Da fühle er sich sehr wohl. Wenig später stand die prominente Gewerkschafterin im hohen Norden der Stadt und besichtigte das Haus, das sich der Dichter Oskar Loerke 1930 gebaut hatte – außen unscheinbar, innen groß und gemütlich, praktisch im Originalzustand. Sie zog ein mit ihrem Mann, dem Journalisten Klaus Engelen, und gehört heute, zehn Jahre später, zu den bekanntesten Bewohnern dieses unumstritten feinsten Reinickendorfer Ortsteils.

Nun ist Frohnau sicher ideal für den Ruhestand, aber von dem ist die 68-Jährige sehr weit entfernt. Dozentin an der Hochschule der Bundesanstalt für Arbeit in Schwerin, Lehrbeauftragte an der FU Berlin, Arbeitskreisleiterin beim Sozialverband Deutschland, Mitglied im Landesvorstand der bayerischen SPD, journalistische Arbeit, gerade wieder ein neues Buch – es kommt allerhand zusammen, auch ohne den DGB-Vorstand, aus dem sie 2006 eher unsanft entfernt wurde.

Dennoch bleibt ihr mehr Zeit als früher, und sie wandert durch die Gegend, wie sie es immer getan hat: „Mein großes Hobby ist Spazierengehen.“ Vom Haus sind es nur ein paar Schritte bis in den Wald, sie kann dort lange Runden drehen mit Othello, dem freundlichen Neufundländer-Labrador-Mischling aus dem Tierheim. So hat sie sich auch Teile von Berlin erobert, als sie noch gelegentliche Besucherin war: „Während andere große Essen machten, bin ich gelaufen.“ Die Stadt war ihr deshalb nicht mehr fremd, als der DGB 1999 aus Düsseldorf in die Nähe der Regierung umzog. Frohnau ist rasch zum Lebensmittelpunkt geworden. „Alles in allem noch ein Stück heile Welt, so was wie hier hab’ ich noch nirgendwo gesehen.“ Sie kauft ein in den Supermärkten der Umgebung und beim Hundefleischer Heidingsfelder am Ludolfingerplatz, meidet eher die teuren Geschäfte am Zeltinger Platz (Ausnahme: „Das Brot bei Butter Lindner!“) und kennt auch entlegenere Ecken: „Was mich immer beeindruckt hat, ist die Donnersmarck-Stiftung. Frohnau ist nicht nur eine Ansammlung von Privilegierten, sondern da steckt auch was dahinter.“

Insofern wäre es naheliegend, dass auch die örtliche SPD von ihrer Kompetenz profitierte. „Ich habe mich natürlich für die Partei interessiert“, sagt sie, „und bin manchmal bei den Sitzungen des Kreisvorstands, aber in Frohnau ist es ja nicht so wahnsinnig ermutigend“ – eine Anspielung darauf, dass der Wahlkreis zu den allerletzten deutschen CDU-Hochburgen gehört. Andererseits wären die 15,4 Prozent, die sie 2009 als Direktkandidatin in Ingolstadt geholt hat, hier durchaus noch zu übertreffen. So oder so wird man sie im Wahlkampf an der Frohnauer Brücke, dem Herz des Ortsteils, sehen, nicht nur, um zu werben. „Es interessiert mich natürlich, was die Leute sagen.“ Sie selbst kann sich, angesprochen auf Berliner Themen, vor allem über die seltsamen Geschäfte mit dem Wasser erregen: „Immer höhere Preise, nur damit der Investor seine garantierten Renditen einfährt, das ist ungeheuerlich“, sagt sie, „einfach ungeheuerlich.“ Dennoch ist sie mit der Arbeit des Parteifreunds Wowereit einverstanden. „Der hat toll was geschafft, wenn ich mir überlege, was er allein an Touristen herankarrt.“

Es ergäbe sich also ein reiches Tätigkeitsfeld, andererseits könnte eine 68-Jährige durchaus kürzer treten. Wie wäre es damit? „Nee, also weniger“, antwortet sie entschlossen. „Das ist wie ein Zug, der fährt, entweder man fährt mit oder man lässt es bleiben.“ Die Wanderkarten für die brandenburgische Umgebung Frohnaus bleiben also vorerst im Schrank. Bernd Matthies

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