Berlin : Reinickendorf: Verzweiflung bei den Händlern der abgebrannten Residenzhalle

Tobias Arbinger

Gut anderthalb Wochen nach dem verheerenden Brand in der Markthalle in der Reinickendorfer Residenzstraße sitzt den Händern der Schock noch tief in den Knochen. "Wir haben alles verloren", sagt die Blumenhändlerin Angelika Tillner. Sie und viele ihrer Kollegen haben eine Woche voller Papierkram hinter sich: Briefwechsel mit Versicherungen, Lieferanten, der Bewag. Nun stellt sich für sie die Frage, wie es weitergehen soll. "Ich werde versuchen, irgendwo einen Job zu finden", sagt die 55-jährige Tillner. Einstweilen muss sie vom Arbeitslosengeld ihres Mannes leben, der bis vor kurzem ihr Angestellter war.

In einem Gespräch mit Reinickendorfs Bürgermeisterin Marlies Wanjura (CDU) hat der Pächter des Geländes mittlerweile Interesse bekundet, dort langfristig wieder "Dienstleistung und Gewerbe" anzusiedeln. "In welcher Form, kann er noch nicht sagen", sagt Wanjura. Sie persönlich favorisiere den Bau einer neuen Markthalle. Der Pächter wolle den Markthändlern Stände in einer anderen von ihm betriebenen Halle anbieten. Eigentümer des Residenzhallen-Areals ist Woolworth.

Die Markthalle war in der Nacht zum letzten Mai-Sonntag bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Fast 130 Feuerwehrbeamte kämpften über Stunden mit den Flammen. Am nächsten Morgen standen 17 Händler vor einem Trümmerhaufen. Das Landeskriminalamt geht mittlerweile von Brandstiftung aus. Vor wenigen Tagen haben die Ermittler in der Ruine Reste eines "Brandbeschleunigers" gefunden. "Eine technische Ursache wie ein Kabelbrand ist weitgehend auszuschließen", sagt der ermittelnde Kommissar Andreas Birlem. Einen Tatverdächtigen gebe es noch nicht.

Von seinem Fischgeschäft sei "nur noch Schutt und Asche übrig", sagt Fischhändler Reinhold Huter. Verzweiflung schwingt in seiner Stimme. Er musste seinem Sohn und einen weiteren Angestellten kündigen. Auf 250 000 Mark schätzt Huter seinen Schaden, nur auf 150 000 Mark war er versichert. Ihm gehe es aber noch vergleichsweise gut, sagt Huter. "Die meisten hatten gar keine Feuerversicherung." Außerdem betreibt Huter einen zweiten Laden unweit der Trümmer. Er hält Brandstiftung für unwahrscheinlich: "Wenn man bedenkt, welche Materialien allein bei einem Schuster lagern, die später als Brandbeschleuniger gelten können."

Man stehe plötzlich vor ganz neuen Fragen, sagt der Zeitungshändler Jürgen Jesse. Zum Beispiel, wer das zerstörte Lottogerät bezahlt. Er oder die Lottogesellschaft. "Ich werde mir nach Möglichkeit in der Nähe einen Laden suchen", sagt Jesse. Leicht werde das nicht, die Ladenmieten seien teilweise "unverschämt teuer". Außerdem könne er den drei Lottohändlern in der Nachbarschaft "nicht zu nahe auf die Pelle rücken". Jesse hat eine "Betriebsunterbrechungsversicherung". Die gelte aber auch nicht ewig.

Das Geschäft in den Markthallen der Stadt hat in den vergangenen Jahren nicht gerade gebrummt. Dies sei jedoch ein Problem des gesamten alteingesessenen Einzelhandels, sagt Michael Bahr von der Markthallen Verwaltungsgenossenschaft, die die drei historischen Hallen in Tiergarten und in Kreuzberg betreibt. Neue Einkaufszentren brächten die kleinen Händler in Bedrängnis. Die Reinickendorfer Halle sei dennoch "relativ gut vermietet" gewesen, sagt Bahr.

Unterstützung bekamen die Markthallenleute aus der Nachbarschaft: Die Gewerbetreibenden von der Residenzstraße sammeln Spenden für sie. Das Bezirksamt steht im Kontakt mit der Investitionsbank - vielleicht kann sie Kredite gewähren. Außerdem werde erwogen, für die Händler vorübergehend einen Markt auf dem Franz-Neumann-Platz einzurichten, sagt Bürgermeisterin Wanjura. Doch auch das sei nicht einfach: Kaum einer besitzt noch Stände oder Kühlgeräte.

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