Berlin : Reise aus dem Ich

Ihr Abschlussfilm „Nach Freiheit“ erhielt die Höchstnote besonders wertvoll Jetzt hat sich Juliane Fezer mit der Geschichte über einen Autisten für die Berlinale beworben

Theresa Bäuerlein

Wenn Juliane Fezer ein Drehbuch schreibt, sieht sie zuerst ein einzelnes Bild vor sich, einen gedanklichen Schnappschuss oder eine Szene, die ihr gefällt. Um die herum baut sie die restliche Handlung. So war es auch bei „Nach Freiheit“, ihrem neuen Film: Zwei Jungen laufen über ein einsames Feld, der Himmel ist grau, einer der beiden bleibt zurück und wirkt verwirrt. Daraus entstand die 45 Minuten lange Geschichte über die Flucht des jungen Max und seines autistischen Bruders Paul aus einem Erziehungsheim. Sie wurde von der Filmbewertungsstelle mit der Höchstnote „besonders wertvoll“ ausgezeichnet.

„Ein rundum gelungener und mutiger Debütfilm“ steht in der Bewertung. Die 28-jährige Regisseurin hat sich jetzt mit „Nach Freiheit“ für die Berlinale beworben. Am heutigen Sonntag zeigt sie den Film erstmals Freunden im Kino.

Der Film ist ihre Abschlussarbeit für die Filmhochschule München, gedreht hat sie ihn in Berlin. „Dieser Film konnte nur hier gemacht werden“, sagt Fezer, „man spürt, dass diese Stadt nach wie vor in sich zerrissen ist. Das passt zu meinen Figuren, die immer ein wenig gebrochen sind.“ Mit ihrer Partnerin Alexandra Krampe und der gemeinsamen Produktionsfirma ist Fezer mittlerweile nach Prenzlauer Berg umgezogen: „Die Menschen hier sind offener, auch die Firmen, von denen wir Rabatte für Filmmaterial wollen, lassen mit sich mit reden“, sagt Krampe.

Bei der Arbeit an „Nach Freiheit“ hatte Fezer Glück: Der Film-Fernseh-Fond Bayern finanzierte den Streifen mit 100000 Euro, sämtliche Darsteller verzichteten freiwillig auf ihre Gage. Auch Hauptdarsteller Adrian Topol verlangte kein Geld, obwohl der 22-Jährige kein Unbekannter im Filmgeschäft ist: Für seine Rolle in dem ZDF-Liebesdrama „Königskinder“ gewann Topol vergangenes Jahr den deutschen Fernsehpreis.

Um den Autisten Paul glaubwürdig spielen zu können, verbrachte er zwei Tage in einem Autistenheim. So tief versetzte er sich in seine Rolle, dass er nach den 15 Drehtagen eine Woche brauchte, um wieder er selbst zu werden. Mit Sicherheit liegt es auch an Topol, dass der Film nicht kitschig geworden ist, obwohl die Geschichte den Stoff dafür durchaus hergibt: Bald nach der Flucht aus dem Heim erkennt Max, dass er mit dem Bruder, der in seiner eigenen Welt aus Ticks und Ritualen verstrickt ist, nicht weit kommen wird. Deswegen verlässt er Paul, nachdem er ihm den Weg zurück ins Heim erklärt hat. Es kommt alles anders. In einem fremden Dorf treffen sich die Brüder wieder, kurz darauf wird Max beim Klauen erwischt. Paul, der in einem Kellerversteck auf seinen Bruder wartet, schafft es schließlich mit Hilfe eines blinden Mädchens, die unsichtbare Mauer um sich herum zu überwinden und findet den Weg aus dem Keller.

„Nach Freiheit“ handelt aber nur auf den ersten Blick von der Krankheit Autismus. „In Wirklichkeit“, sagt die Regisseurin „geht es um Freiheit. Und darum, dass sie für jeden etwas anderes bedeutet.“ Für den autistischen Paul bedeutet Freiheit, für einen Moment aus sich herauskommen, „für andere bedeutet es, einmal um die Welt zu reisen“, sagt Fezer.

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