Reisemarathon : Der chronische Schlafmangel des Barack Obama

Eine ruhige Nacht im Hotel Adlon – der Senator aus Illinois konnte sie brauchen, bevor es am Freitag nach Paris geht. Denn Schlaf hat Obama wenig bekommen auf seiner Reise. Wie Politiker in solchen Situationen fit bleiben, erklärt Schlafexperte Ingo Fietze.

Dagny Lüdemann

Mittwoch Jerusalem, Donnerstag Berlin, Freitag Paris, Samstag London. Neben Barack Obama verblasst der internationale Jetset derzeit gnadenlos. Vermutlich hat niemand in den letzten Tagen mehr Länder bereist als der designierte amerikanische Präsidentschaftskandidat – und kaum jemand weniger geschlafen als er.

So eine Welttournee schlaucht auch den fittesten Politiker, sechs bis zwölf Termine sind für Obama an der Tagesordnung, hinzu kommt der Jetlag durch die Zeitverschiebung – und immer muss er in Topform sein. Konzentrationsschwächen bei einer Rede oder im Interview könnten peinlich werden. Aber wie schafft es Obama, diesen Reisemarathon durchzuhalten?

Wahrscheinlich macht er zwischendurch kurze Nickerchen im Auto, im Flugzeug oder auf dem Hotelzimmer – „denn das ist die beste Methode, um Schlafmangel vorzubeugen“, sagt Ingo Fietze, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charité. Schon 10 bis 15 Minuten Powernapping reichen aus, um für die nächsten Stunden wieder fit zu sein.

„Barack Obama hat so ein großes Ziel vor sich, dass er im Moment bestimmt so viel Adrenalin ausschüttet, dass er eher Schwierigkeiten hat, zur Ruhe zu kommen“, sagt Isabella Heuser, Direktorin der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, am Handy auf dem Weg zur Obama-Fanmeile. „Politiker trainieren deshalb genau wie Rockstars mentale Techniken, damit sie schneller einschlafen.“ Denn dauerhafter Schlafmangel mindert die geistige Leistungsfähigkeit. Im Schlaflabor ließen Berliner Forscher Studenten über Wochen nur fünf Stunden pro Nacht schlafen und testeten ihre Konzentrationsfähigkeit. Bei den Aufgaben machten sie mehr Fehler als die ausgeschlafenen Kommilitonen.

Im Durchschnitt reichen sechs Stunden Schlaf am Tag. Wer am Wochenende mal zehn oder zwölf Stunden durchschläft, könne den fehlenden Schlaf aber nachholen, sagt Schlafforscher Fietze. Bedenklich wird es, wenn jemand zwei oder drei Tage am Stück kein Auge zu bekommt. „Dass Spitzenpolitiker wie Barack Obama sich mit Aufputschmitteln wach halten, ist sicher nicht der Fall“, sagt Fietze. „Das ist aus medizinischer Sicht sehr unvernünftig, denn solche Medikamente bringen den natürlichen Schlafrhythmus zusätzlich durcheinander.“ Diese verschreibungspflichtigen Arzneimittel erhöhen außerdem das Risiko, eine dauerhafte Schlafstörung zu entwickeln. Auch ein häufiger Jetlag und unregelmäßige Schlafzeiten können zu Einschlafstörungen führen. „Allerdings nur bei Menschen, die dafür eine gewisse Veranlagung haben“, sagt der Experte.

Gestern Nacht hatte der Präsidentschaftskandidat im Berliner Adlon Hotel seit Tagen zum ersten Mal die Gelegenheit auszuschlafen. Auch wenn Obama nach Tagesspiegel-Informationen in keiner der Präsidentensuiten übernachtet hat – bot seine Suite zumindestens den geeigneten Rahmen für eine erholsame Nacht. Nach dem Abendessen standen keine offiziellen Termine mehr auf dem Programm. Heute Morgen um 9.30 Uhr soll seine Maschine nach Paris starten.

Vielleicht ist Obama ja sowieso von Natur aus Frühaufsteher. Sein Logo jedenfalls zeigt eine aufgehende Sonne vor der US-Flagge. Dagny Lüdemann

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