Berlin : Reiterstandbild: Der Alte Fritz kehrt im Schritttempo zurück

Lothar Heinke

Die Augen scheinen zu blitzen, sein Dreispitz glänzt in der Sonne, er wirkt frisch, aufgeräumt und tatendurstig. Dabei erleben wir Ross und Reiter in einer sehr ungewöhnlichen Situation: Sie haben soeben die Erde verlassen und hängen in mehreren Gurten an der Kette eines Autokrans, der das sechs Meter siebzig hohe und dreizehn Tonnen schwere bronzene Sitz-Standbild des Preußenkönigs Friedrich II. mit seinem Lieblingsgaul sanft durch die Luft schwenkt. Der Alte Fritz verlässt die Tiefen einer kargen Werkstatt, Seine Majestät gelangt wieder ans lang entbehrte Tageslicht. Fast drei Jahre musste er den Anblick seines Forums Fridericianum missen, da sich denkmalpflegerische Schönheitschirurgen an ihm zu schaffen machten, 50 Damen und Herren Restauratoren der Firma Roß, nomen est omen.

Bettina Roß sieht mit einer Mischung aus Abschiedswehmut und Meisterstolz über ein gelungenes Werk ihren Fritz vom Kran in eine Container-Kiste gleiten, mit der der Monarch die Nacht hindurch, acht Stunden lang, per Tieflader im Schritttempo von Tempelhof über Buckow nach Mitte fährt, wo er heute Vormittag auf seinen Sockel Unter den Linden gehoben wird, frisch gereinigt, geputzt und gewachst.

Im Laufe der Zeit hatte sich eine bis zu drei Millimeter hohe Schmutzschicht, hart wie Stein, auf dem Großen Friedrich abgesetzt. "Wir haben das komplett abgetragen, und zwar so vorsichtig, dass die gewachsene Patina dabei nicht verletzt wurde", sagt die Chefin der Restaurierungsfirma. Für diesen Teil der Operation F. zwo wurden Skalpelle und Ultraschallfeinmeißel - kleine Zahnarztgeräte - verwendet, "aber die naturgetreue Darstellung und künstlerisch gestaltete Oberfläche, mit der Christian Daniel Rauch eine der großartigsten Denkmalplastiken des 19. Jahrhunderts in Deutschland geschaffen hatte, musste unangetastet und der Alterungsprozess eines fast 150 Jahre alten Standbildes sichtbar bleiben." So sehen wir im dunklen Bronze-Braun zahlreiche grüne Wasserablaufspuren, besonders auf den Reiter- und Standfiguren bedeutender Zeitgenossen, die den riesigen Sockel zieren, der allein 30 Tonnen wiegt und mehr Arbeit erforderte als die überlebensgroße Gestalt des Königs. Seinem Pferd wurde der Schweif dauerhaft befestigt, Teile des Steigbügels, verschiedene Gurte, Zaumzeug, das Ende des Krückstocks und eine Spitze des Degens sind erneuert worden, ja, Friedrichs Oberkörper musste auseinandergeschraubt und vom Pferd gehoben werden, um auch das monumentale Innenleben kurieren zu können. Außen sind nun sogar die Falten im Gesicht des Königs und feine Adern des Condé zu sehen - aber dazu muss man dem Herrscher sehr nahe sein, und wer ist das schon, wenn Majestät ab heute wieder da oben aufs imaginäre Schloss zureitet?

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