Rekordjahr : Pilze sprießen überall in Berlin

Das feuchte Wetter macht’s möglich: Überall in Berlin sprießen Pilze – ein Rekordjahr für Sammler.

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Sie sind fast überall, schießen über Nacht aus dem Boden oder hängen wie die Kletten an Baumstämmen. Das riecht nach Sammlerglück, nach Ernterekord. Wälder, Parks und Vorgärten sind voller Pilze. Der warme und verregnete Sommer beschert Berlin eine Rekordsaison. Dreimal so viel wie sonst, behaupten Experten. Pilzsammler wissen das, längst schwärmen sie mit ihren Körben aus – und müssen nicht mal lange suchen.

Keine zweihundert Meter weit müssen Hannelore Hippler und ihre Mutter vom Parkplatz am Grunewaldturm in den Wald gehen, als sie die erste große Gruppe Hallimasch entdecken, nur zwei Meter neben dem Weg. Schnell zückt Hippler das Taschenmesser und lässt die Beute in einer gepolsterten Tüte verschwinden. „Das macht süchtig. Man guckt, sieht die Pilzkappe und rennt hin“, sagt die 66-Jährige aus Steglitz. Das Pilz-

wissen hat sie von den Eltern, zum ersten Mal ging sie mit fünf Jahren zum Sammeln. Die Mutter ist mittlerweile 84 Jahre alt und macht noch immer leidenschaftlich mit. 1945 suchte sie das erste Mal. „Damals war die Zeit schlecht, ich war über jede zusätzliche Mahlzeit froh“, sagt sie. Noch heute geht sie in den Wald, ohne bestimmte Sorten finden zu wollen. Sie will einfach eine Mahlzeit besorgen.

In Berlin und Brandenburg ist der Tisch reichlich gedeckt – ob in Wandlitz, den Wäldern um Beelitz, am Müggelsee oder im Volkspark Rehberge in Mitte. „Pilze stehen überall da, wo es grün ist, vor allem in Wäldern“, sagt der Pilzsachverständige Werner Nauschütz. Sie riechen nach Anis oder Moder, manche stinken mächtig, etwa der Schwefelritterling. Von den 2000 Arten in der Region sind nur 200 essbar. Am häufigsten kommen Steinpilze, Maronen, Hexenröhrlinge und Hallimasch vor, sagt Nauschütz. Pfifferlinge dagegen seien nicht nur die leckerste, sondern auch die seltenste Art.

Pilze sammeln leicht gemacht
Röhren oder Lamellen? Das ist oft die entscheidende Frage, wenn es um die Genießbarkeit von Pilzen geht. Ein kleiner Ratgeber für die nächste Jagd nach der beliebten Waldfrucht.Weitere Bilder anzeigen
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02.09.2010 14:51Röhren oder Lamellen? Das ist oft die entscheidende Frage, wenn es um die Genießbarkeit von Pilzen geht. Ein kleiner Ratgeber für...

Nauschütz durchstreift die Region seit 1974 nach Pilzen und bietet seit Jahren an Volkshochschulen und für private Firmen Pilzwanderungen an. Anfänger sollten sich solch einer anschließen, rät er, und fügt hinzu: „Grundsätzlich nur bekannte Arten mitsamt Stielende und Wurzeln sammeln.“ Nur so könne im Nachhinein noch ein giftiger von einem ungiftigen Pilz unterschieden werden. Der weiße, giftige Knollenblätterpilz werde oft mit dem Täubling und Champignon verwechselt. Die Sorten haben ähnliche Hüte aber unterschiedliche Wurzeln. Andererseits seien manchmal die schillerndsten und buntesten Arten wie der Violette Rötelritterling genießbar.

Beim Giftnotruf hat die Rekordsaison für eine Rekordzahl an Anrufen gesorgt. 500 Mal klingelte das Telefon seit Ende Juli, sagt Torsten Binscheck, „deutlich mehr als in den Jahren zuvor.“ Mancher Anrufer habe auch nur allgemeine Fragen zu Pilzen. Binscheck ist Leiter des Instituts für Toxikologie, zu dem der Giftnotruf gehört. Die Fälle von Vergiftungen seien ebenfalls rekordverdächtig. Binscheck berichtet von zwölf durch Knollenblätterpilze – sonst seien es drei pro Saison.

Beim Knollenblätterpilz treten nach mehreren Stunden Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen auf. Unbehandelt könne die Vergiftung bis zum Zerfall der Leber und sogar zum Tod führen – selbst dann, wenn nach einem Tag keine Symptome mehr spürbar seien. „Ein 50 Gramm schwerer Knollenblätterpilz enthält die tödliche Menge Gift für einen Erwachsenen“, sagt Binscheck. Und dabei schmecke er nicht einmal unangenehm. „Im Zweifelsfall also lieber anrufen und den Pilz lassen, wo er ist.“

Weil selbst lange nach Tschernobyl die Böden radioaktiv belastet seien, sollten nicht mehr als 200 Gramm Pilze pro Woche gegessen werden. Gesammelt werden darf nur für den eigenen Gebrauch. Wer noch nicht im Wald war, sollte sich beeilen. Wenn die Temperaturen dauerhaft auf unter fünf Grad fallen, ist das Rekordjahr um. Christoph Spangenberg

Der Giftnotruf ist rund um die Uhr unter Tel. 19240 erreichbar. Infosprechstunde des Botanischen Gartens Dahlem: montags 12 bis 16.30 Uhr. Verein der Berliner Pilzkundler: www.pabb.de

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