Berlin : Rekordmeister im Streiken

Der Ausstand der CNH-Arbeiter dauert jetzt 100 Tage – und vielleicht wird das Werk später geschlossen

Rainer W. During

Die einen stehen am Kicker, die anderen an der Tischtennisplatte, Andreas Hubert hat gekocht: „Afghanisches Nudelgericht“, scharfes Hack und Joghurtsoße mit Minze. Nachdem am Mittwoch politische Prominenz – der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Arbeitssenator Harald Wolf und DGB-Landeschef Dieter Scholz – da war, um Solidarität zu versichern, ist am Donnerstag wieder Alltag im Streikzelt in Staaken.

Mittwoch war Jubiläum, der 100. Tag. So lange schon streiken die Arbeiter des CNH-Baumaschinenwerks gegen dessen Schließung durch den Mutterkonzern Fiat. Es ist der längste Streik in der Geschichte der Berliner Metallindustrie. Und er ist noch nicht zu Ende. Die Belegschaft kämpft weiter, auch wenn es wohl nur noch um den Sozialplan geht.

Nach nächtlichen Gesprächen mit der Firmenleitung tagte gestern wieder die Tarifkommission. Es geht unter anderem um eine Verlegung des Schließungstermins vom 31. Juli auf den 30. November, ein Abfindungsvolumen von 29 Millionen Euro für die 333 betroffenen Mitarbeiter und ein Konzept zur Entwicklung alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten am Spandauer Standort.

Die Streikenden lassen sich täglich neu registrieren, nur mit Stempel gibt es das Streikgeld von der IG-Metall. Es ist für viele deutlich weniger, als wenn sie bis zum Inkrafttreten der Kündigung arbeiten würden. Trotzdem und trotz des Wetter steht der Widerstand. Die Wachen wärmen sich auch im Juni noch an Fässern mit glühender Holzkohle. Acht rund 30-köpfige Postengruppen lösen sich rund um die Uhr ab. Vier Versuche der Firmenleitung, fertig gestellte Maschinen wegzuschaffen, wurden bereits verhindert. Über eine Telefonkette konnte innerhalb von 10 bis 15 Minuten Verstärkung gerufen werden.

„Wir sind eine große Familie geworden“, sagt Streikhelferin Yvonne Koch, 28, die hier vor zwölf Jahren gelernt und seitdem gearbeitet hat. Es streiken auch Kollegen mit, die nicht in der Gewerkschaft sind, die werden mit aus der Streikkasse unterstützt. 5000 Euro haben die Delegierten des DGB-Bundeskongresses gesammelt. Immer wieder kommen auch Privatleute vorbei, um Geld zu spenden.

Andreas Hubert hat die Kündigung vier Tage nach der Geburt seines Sohnes erhalten. Seit der Streik läuft, kocht er – in der Großküche eines nahen Zeltlagers. Rezepte lädt er sich aus dem Internet. Am heutigen Freitag gibt es Kassler mit Sauerkraut. Etwas zum Durchhalten an kalten Tagen.

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