Berlin : Rekordverdächtig kurz - für eineinhalb Stunden Volksvertreter (Glosse)

Ulrich Zawatka-Gerlach

Nie war er so wertvoll wie gestern: Frank Eichelberger, 32, CDU-Mitglied und Diplom-Ingenieur. Wäre er nicht in die Bresche gesprungen, hätte der Großen Koalition eine Stimme im Parlament gefehlt. Nicht die entscheidende, aber welche der vielen Stimmen im Chor der Regierungsmehrheit ist schon entscheidend? In der Polyphonie der Gewissensentscheidungen, denen jeder Abgeordnete täglich unterworfen ist, entscheidet am Ende der harmonische Zusammenklang über die Frage: Macht oder nicht Macht? Eichelbergers Kommen war also wichtig.

Nur so konnte die Koalition die Opposition abbürsten, nur so ließ sich die Privatisierung der Wasserbetriebe vollziehen. Für Eichelberger schlug die Stunde des Parlaments besonders klangvoll, weil es seine erste und letzte Sitzung in der 13. Legislaturperiode war. Eine Sondersitzung mit vielen, am 10. Oktober bereits abgewählten Volksvertretern, deren Mandate aber erst am 18. November erlöschen, wenn sich das neue Abgeordnetenhaus konstituiert. Einer musste jedoch vorzeitig verzichten: Der CDU-Abgeordnete Joachim Weitzel aus Neukölln, der sich seit Anfang Oktober im Polizeidienst weiterbildet. Für ihn rückte Frank Eichelberger nach.

Sozusagen ein Nachrücker vom Dienst, denn er übernahm schon einmal ein vakantes Mandat; im März 1991, vom frisch gewählten Bundestagsabgeordneten Dankward Buwitt. Diesmal war Eichelberger nur anderthalb Stunden Volksvertreter. Besser als nichts. Vielleicht reicht es sogar für das Guinness-Buch. Gelohnt hat sich der Ausflug allemal - für Oktober und November werden ihm volle Diäten ausgezahlt. Einschließlich steuerfreie Kostenpauschale für Schreibarbeiten, Porto, Telefon und Fahrtkosten. Aber ohne Altersversorgung und Übergangsgeld.

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