Berlin : Religion in der Schule: Angst vor der dogmatischen Strömung

Lars von Törne

Seit zwei Tagen ist in der Kreuzberger Fichtelgebirge-Grundschule der Stundenplan für das neue Schuljahr fertig. Aber schon kurz nach Beginn des Unterrichts am kommenden Montag dürfte die aufwändige Planung hinfällig sein. "Wir müssen jetzt wahrscheinlich die ganzen Stundenpläne neu entwerfen", sagt Schulleiterin Annette Spieler. "Im Moment warten wir ab, welche Vorschriften wir bekommen - und dann machen wir uns nochmal an die Arbeit."

Dass für Rektorin Spieler und ihre Kollegen das neue Schuljahr anders als erwartet verlaufen wird, steht seit Mittwochnachmittag fest. Da entschied das Verwaltungsgericht, dass die vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestufte Islamische Föderation ihren Religionsunterricht in zwei Berliner Grundschulen anbieten darf. Neben der Weddinger Rudolf-Wissell-Grundschule hatte die Föderation die Fichtelgebirge-Schule auserkoren. "Leider", sagt Annette Spieler. 80 Prozent der rund 400 Kinder kommen hier aus ausländischen Familien, 95 Prozent davon sind Moslems. Die Rektorin befürchtet, dass jetzt eine dogmatische Strömung Einzug in den Schulalltag halten könnte. "Wir haben uns seit langem für einen staatlich kontrollierten Islamkundeunterricht ausgesprochen, damit die Kinder etwas über ihre Religion und Kultur erfahren", stellt Spieler klar - "aber das muss mit dem Ziel der Integration passieren, ohne indoktriniert zu werden." Das hätten sich auch viele moderate moslemische Eltern gewünscht.

Was das Urteil jetzt für den Schulalltag bedeutet? "Wir werden sehen", sagt die Rektorin. Dafür, dass sie so unerwartet vor Tatsachen gestellt wurde, wirkt die 45-jährige Pädagogin bemerkenswert ruhig. Grund zur Panik sieht sie nicht. "Dafür wissen wir noch viel zu wenig, was uns konkret erwartet." Weder könne sie sagen, wieviele Kinder an den voraussichtlich zwei Stunden Islamunterricht pro Woche teilnehmen möchten, noch kenne sie den Rahmenplan der Föderation. Sie wisse noch nicht einmal, wen die Gruppe kommende Woche als Lehrer in ihre Schule schicken will.

Die Rektorin erwartet nun, dass sich Vertreter der Föderation bei den Elternabenden zu Beginn des Schuljahres vorstellen und fragen, welche Kinder am Islamunterricht teilnehmen möchten. Was diese dann dort lernen, werden Spieler und ihr Kollegium oft nur indirekt erfahren. "Wie auch beim evangelischen Religionsunterricht, habe ich keinen Anspruch darauf, zuzuschauen - es sei denn, die Lehrer laden mich ein."

Im Kollegium gehen die Meinungen über die Folgen des Urteils auseinander. "Ich befürchte, dass die dogmatischen Einstellungen bei den Kindern zunehmen", sagt Lehrer Matthias Hänisch (46). Das sei auch bei denjenigen Kindern zu beobachten, die jetzt schon in Koranschulen gingen. Seine Kollegin Dorothea Mandera (45) hingegen gewinnt der Sache etwas Positives ab. "Wenn die Föderation mit den Schulen bei der Erziehung der Kinder zusammenarbeitet, bekommen wir so vielleicht einen besseren Draht zu den moslemischen Eltern, die uns bislang eher ängstlich gegenüber stehen."

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