Berlin : Religionslehrer fühlen sich gemobbt

Susanne Vieth-Entus

Viele evangelische Religionslehrer fühlen sich an Ost-Berliner Schulen gemobbt und ausgegrenzt, und sie vermissen Unterstützung von Seiten der Kirche. Zu diesem Schluss kommt eine Professorin der Evangelischen Fachhochschule. Sie fordert die Kirche auf, ihr Engagement im Ost-Teil an weniger Schulen zu konzentrieren, um nicht unnötig Kräfte zu verschleißen. Einige Lehrer erlitten ein "Märtyrium" beim Versuch, an fast allen Schulen den evangelischen Religionsunterricht aufrecht zu erhalten.

Die für den Religionsunterricht zuständige Wissenschaftlerin der Fachhochschule, Angelika Thor-Hauke, beruft sich auf Gespräche mit rund 30 Lehrern, immerhin jeder fünfte der im Ost-Teil eingesetzten Kräfte. Gespräche und Analysen fasste sie 2001 in einem 80-seitigen Bericht zusammen, der jetzt öffentlich wurde. Aus dem Bericht geht hervor, dass sich viele Religionslehrer psychisch und physisch aufreiben.

Dabei haben sie mit mehreren Problemen zu kämpfen. Zum einen wird beklagt, dass ihnen Schul-Kollegien jegliche Integration versagen und sie als Missionare abtun. Zur Begrüßung heißt es dann schon mal von Seiten des Schulleiters: "Wir haben keinen Bedarf. Was wollen Sie eigentlich hier?" Auch Eltern und Schüler ließen ihrer Verachtung freien Lauf. Auf Elternabenden komme es vor, dass die Religionslehrer gegen eisiges Schweigen und versteinerte Mienen anreden müssten. "Platter Positivismus" schlage den Lehrern entgegen - nach dem Motto "Es gibt keinen Gott, da sind wir uns wohl alle einig", wie es eine "Kollegin" formulierte. Diese Situation wurde auch ganz jungen Lehrern zugemutet, die mitunter noch während ihrer Ausbildung in den Ost-Teil geschickt wurden.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Religionsunterricht aus organisatorischen Gründen meist in die erste und letzte Stunde gedrängt wird. Da es wenig Nachfrage pro Schule gibt, müssen viele Lehrer an mehreren Schulen arbeiten, um überhaupt auf das geforderte Unterrichtspensum zu kommen. Sie sind also ständig am Pendeln oder müssen Freistunden "totschlagen".

Thol-Hauke fordert, dass das Konsistorium - ähnlich wie das Erzbischöfliche Ordinariat - von dem Ziel abgeht, möglichst flächendeckend den Unterricht anzubieten. Sie schlägt vor, stattdessen in einzelnen Schulen "Zentren für Religionsunterricht" zu schaffen und sich aus Schulen zurückzuziehen, "die keine Arbeitsgrundlage" bieten. Nur so könne vermieden werden, dass sich die Kollegen so über Gebühr verschlissen fühlten. Und die Kirche müsse sich mehr um die Probleme ihrer Lehrer kümmern.

Im Konsistorium der Evangelischen Kirche man unzufrieden darüber, dass die Professorin auf eigene Faust einen derartigen Bericht erstellte. Der zuständige Abteilungsleiter Steffen-Rainer Schultz betont, dass Thol-Hauke ausschließlich Lehrer befragt habe, die aus dem West-Teil stammten und gegen ihren Willen an Ost-Schulen eingesetzt wurden. Im Übrigen sei die Problematik bereits in dem so genannten Visitationsbericht von 1999 behandelt worden.

Tatsächlich heißt es in dem kichlichen Bericht, dass die derzeitigen organisatorischen Bedingungen des Religionsunterrichts "zu erheblichen Belastungen" führten, weshalb Beratung, "seelsorgerliche Begleitung" und mehr Rückhalt aus den Kirchenkreisen notwendig seien. Insbesondere im Ost-Teil seien die Lehrer "überfordert" und hätten den Eindruck, "von der Kirche alleingelassen" zu werden. Gleichzeitig schiebt der Bericht aber auch den Lehrern selbst den Schwarzen Peter zu, die sich stärker "über das Profil evangelischen Religionsunterrichts" austauschen müssten.

Dem Vernehmen nach hat der "Visitationsbericht" bisher kaum etwas an der Situation der Lehrer geändert. Die Kirche setzt darauf, dass Religion langfristig in einen Wahlpflichtbereich integriert wird, womit einige Probleme gelöst wären. Insgesamt nehmen in Berlin über 93 000 Kinder am Religionsuntericht teil, davon rund 12 000 im Ost-Teil.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben