Berlin : Religionslehrer sehen keine Zukunft für ihr Fach

Vor dem SPD-Parteitag: Kirchen und Jüdische Gemeinde starten Aufruf gegen die Einführung eines Werte-Unterrichts ohne Abwahlmöglichkeit

Susanne Vieth-Entus

Vor dem SPD-Bildungsparteitag am 9. April wollen die Evangelische Kirche, das Erzbistum und die Jüdische Gemeinde die Öffentlichkeit gegen ein bekenntnisfreies Pflichtfach zur Wertevermittlung an Berlins Schulen mobilisieren. Mit Unterschriftenlisten, Appellen in den Ostergottesdiensten und einem gemeinsamen Aufruf werben sie dafür, dass die SPD Religions- und Weltanschauungsunterricht als gleichberechtigte Alternativen zulässt. Falls dies nicht gelingt, sehen insbesondere evangelische Religionslehrer keine Zukunft für ihr Fach.

Es bedeute „faktisch das Ende“ des bisherigen Religionsunterrichts, wenn alle Schüler gezwungen würden, ein Pflichtfach ähnlich dem brandenburgischen LER (Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde) zu belegen, heißt es in einem Brief, den evangelische Religionslehrer zurzeit in ihren Klassen verteilen. Zum Schrecken vieler Eltern und Kinder ist dort sogar von der „geplanten Abschaffung des Religionsunterrichts“ die Rede.

Der für den Religionsunterricht zuständie Abteilungsleiter im Evangelischen Konsistorium, Steffen-Rainer Schultz, verteidigt diese Formulierung. Wenn die Schüler gezwungen würden, eine Art LER zu belegen, wäre das eine „geschickte Form der Abschaffung von Religionsunterricht“, meint Schultz. Dieser werde sich „totlaufen“, wenn Schüler ihn nur zusätzlich zu LER und nur nach Unterrichtsschluss belegen könnten.

„Es ist schon jetzt schwer genug“, sagt Christine Hopp, die Beauftragte für den evangelischen Religionsunterricht in Tempelhof-Schöneberg. Jahr für Jahr kämpften die Lehrer um die Schüler. Wenn Schulleiter es nicht schafften, den Unterricht gut in den Stundenplan einzubauen, gebe es noch mehr Probleme. Und leider gäben viele Eltern auch schnell nach, wenn ihre Kinder nicht mehr an dem freiwilligen Unterrichtsangebot teilnehmen wollten.

Die katholische Kirche bemüht sich um mehr Optimismus. Vom „Totlaufen“ des Religionsunterrichts will Kirchenschulrat Rupert von Stülpnagel nichts wissen. Er sagt: „Wir bemühen uns, nicht in Panik auszubrechen“. Aber er gibt zu, dass es „sehr, sehr schwer wird“.

Schon jetzt verliert die katholische Kirche Schüler. Aus über 30 000 noch vor wenigen Jahren sind 24 500 geworden. Am evangelischen Religionsunterricht nehmen noch knapp 93 000 teil, an Lebenskunde 37 000, am jüdischen, islamischen und buddhistischen Unterricht insgesamt 5200. In der Summe sind dies 154 000 der 340 000 Berliner Schüler. Zwei Drittel der Teilnehmer gibt es in den Grundschulen, ein Drittel in den Oberschulen. LER soll zunächst ab Klasse 7 eingeführt werden, mittelfristig auch in der Grundschule, so die Pläne.

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