• Religionsunterricht: Im Auftrag des türkischen Generalkonsulats an der Rixdorfer Grundschule

Berlin : Religionsunterricht: Im Auftrag des türkischen Generalkonsulats an der Rixdorfer Grundschule

Jeannette Goddar

Zwei Stunden in der Woche hat Nese Korkmaz Zeit, ihre Schüler zu unterrichten. Heute stehen "Unsere Feste" auf dem Plan, auf Türkisch "Bayramlarimiz". Beide Begriffe stehen an der Tafel. "In der ersten Stunde werden wir uns über unsere Feste unterhalten", setzt Korkmaz zur ersten der Doppelstunde an, "in der zweiten wollen wir uns den Festen unserer deutschen Freunde widmen." Und, zur Begründung: "Weil wir hier zusammen leben, interessiert uns natürlich auch, was die Deutschen zu Ostern und zu Weihnachten machen."

Vorgeführt wurde dem Publikum, das die Rixdorfer Grundschule zum Kennenlernen ihres muttersprachlichen Religionskunde-Unterrichts geladen hatte, lediglich der erste Part: An der Tafel wird unterschieden zwischen zwei "religiösen Festen" - Ramadan und Opferfest - sowie vier "nationalen Festen". Brav lesen die Viertklässler ab: In der Türkei feiert man das Siegesfest, die Ausrufung der Republik, das Kinderfest der nationalen Unabhängigkeit sowie das Jugendsportfest. Auf der deutschen Seite, die in der nächsten Stunde drangekommen wäre, stehen: Weihnachten, Ostern, Karneval.

Vor ein paar Wochen hat die größte Grundschule Neuköllns ein eigentlich nicht neues Unterrichtsmodell vom Nachmittag in den Vormittag verlegt: In jenen Stunden, in denen die deutschen Kinder dem evangelischen und katholischen Religionsunterricht folgen, werden türkische Kinder von Lehrern im Auftrag des türkischen Generalkonsulats in Kultur und Religion unterrichtet. Wie auch beim deutschen Religionsunterricht ist der Besuch freiwillig. Durch die Verlegung habe sich die Zahl der Anmeldungen verdoppelt, sagte die Schulleiterin Marion Berning. Die Schule, an der über die Hälfte der Schüler nicht deutscher Herkunft sind, beteiligt sich bereits seit 1988 an der zweisprachigen Alphabetisierung; seit 1999 können auch die Mütter hier an Deutschkursen teilnehmen. "Um auch den Kindern ein muttersprachliches Angebot zu machen, die in den zweisprachigen Klassen keinen Platz finden", erläutert Berning, "haben wir uns entschlossen, den Konsulatsunterricht in den Vormittag zu verlegen."

Auf dem Unterrichtsplan, dessen Grundlage ein Abkommen der türkischen Regierung mit den deutschen Behörden ist, stehen die verschiedensten Themen: Von rein praktischen Fragen wie "Wo und wie haben wir unsere Ferien verbracht" über ethische Werte wie "Rücksicht nehmen" bis zu landeskundlichen, aber auch staatsbürgerlichen und religiösen Fragen, die eindeutig in Zusammenhang mit der Türkei stehen. So ist ein ganzer Themenbereich dem Leben und Wirken Atatürks gewidmet; ein weiterer hat den Titel "Die Türken und die Türkei".

Der türkische Generalkonsul Asim Temizgil lobte den Unterricht als "sehr nützlich und vom Volk anerkannt". Durch den zweisprachigen Unterricht, so Temizgil, könnten die Kinder besser nachvollziehen, "welche Sprache sie bereits können und welche nicht." Auch der Elternvertreter Serdar Cetin bezeichnete sprach von "gelungener Integrationsarbeit". Wer den Kindern Türkisch beibringe - der deutsche Staat oder das türkische Generalkonsulat - sei unerheblich: "Irgendjemand muss es machen."

Umstritten ist der Unterricht, der an diversen Schulen als Nachmittagsunterricht angeboten wird, insbesondere, weil die vom türkischen Erziehungsministerium ausgewählten Lehrer zuweilen eigens nach Deutschland geschickt werden und sich hier ansonsten nicht auskennen. An der Rixdorfer Grundschule hat man darauf bestanden, dass die Lehrerin Deutsch spreche und sich in das Kollegium integriere, so Berning.

Gänzlich vom Tisch ist die Kritik an derartigen Angeboten deswegen allerdings nicht: Der bildungspolitische Sprecher der Bündnisgrünen, Özcan Mutlu, fordert, nicht die Separation voranzutreiben, "sondern an gemeinsamen Angeboten zu arbeiten: Warum wird der Unterricht nicht für Deutsche und Türken angeboten, damit sie sich besser kennenlernen?"

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