Berlin : Rent a Butler: Es ist ja so schrecklich schwer, gutes Personal zu bekommen

Deike Diening

Der Butler ist ein Paradox. Er ist umso besser, je leichter man ihn vergisst. Seine Leistung bedingt sozusagen sein Verschwinden. Er bewegt sich unauffällig, leise und selbstverständlich, hört alles, verrät aber nichts.

Harriet Nawrocki vermietet einen und hat seine Qualitäten zu denen ihrer Firma gemacht. Mit ihrer Agentur für kleine Sorgen und etwas größere Geldbeutel erfüllt sie nun Wünsche, die in Berlin bis dahin für Geld nicht zu haben waren: Einmal den Kühlschrank füllen? 49 Mark. Im Urlaub den Briefkasten leeren, lüften, Blumen gießen und die Geschirrspülmaschine anwerfen? Nennt sich jetzt "Housekeeping" und kostet pro Woche 119 Mark. Nawrocki richtet Partys aus und Wohnzimmer ein. "Perfektion" ist ein Lieblingswort der Schwäbin.

Ulf Hansen klingt nun so gar nicht englisch, aber dieser Mann ist ihr englischer Butler in Berlin. Nach fünf Jahren Ausbildung im Hotel Interconti in London war er so gut, dass er - "das darf man wohl erzählen" - Prinzessin Margaret bedienen durfte. Seine englischen Kollegen "haben es nicht begriffen": Ein Deutscher, jung dazu, durfte zur königlichen Familie! Heute wundert Hansen sich, dass in Deutschland niemand mehr ernsthaft diesen Beruf ergreifen will. "Ich wurde mit einem Lächeln im Gesicht geboren." Das braucht man wohl für diesen Beruf. Bevor er einen Auftrag annimmt, schaut er sich die Wohnung an: Kerzennachschub, Garderoben, Türöffner. Wo sind die Vorräte? Haben die Gäste erklärte Lieblingsgetränke? Es geht darum, möglichst viel tun zu können, ohne eine Frage stellen zu müssen. Als er in London einmal reiche Araber, am Boden sitzend, bediente, hielten sie ihre Gläser hoch. Hansen wusste, was er zu tun hatte und goss ein. "Da sind Sie für Stunden hochkonzentriert - und nachher richtig fertig", sagt er. Man merkt, er mag die Idee der Perfektion mindestens genauso, wie seine Chefin es tut. "Es ist schrecklich schwer, heutzutage gutes Personal zu finden," sagt Harriet Nawrocki und verdreht die grünen Augen. Als sie noch mit Kindermoden handelte - zwei Kinder hat sie zu Hause -, zerbrach ihr einmal eine Tasse aus einem Service. Sechs Wochen kam sie nicht dazu, die Tasse nachzukaufen, weit und breit niemand, den sie damit beauftragen konnte in der "Dienstleistungsdiaspora Berlin".

Für Nöte wie diese gründete Harriet Nawrocki kurzerhand ihr Unternehmen "Prominent Residence" (Tel. 8972 7303). Auf Mallorca wartet die ungelüftete Ferienwohnung? Das muss niemand länger ertragen. Hinfliegen, lüften, einkaufen, den Kühlschrank gefüllt, Blumen auf den Tisch und mit dem nächsten Flieger zurück. Ein Geschenk besorgen, einen Sofabezug wählen - wird sofort erledigt. Hotels leiten inzwischen die ausgefallenen Extrawünsche ihrer Kunden an sie weiter. Und sie zündet schon einmal den Kamin an, bevor der Hausherr von der Arbeit kommt. Da kann es passieren, dass die Chefin selbst spät abends einen Anruf erhält. Von fünf Freunden, die in einer Grunewaldvilla beisammensitzen, der Abend wäre perfekt, allein - "es fehlen die Cohibas". Frau Nawrocki schwingt sich in ihren Wagen, um zu nächtlicher Stunde Rauchwaren einzukaufen. Die fünf Freunde bezahlen 100 Mark für die Rettung des Abends.

Und ihr Mann? Was sagt der, wenn sie nachts aufspringt, um ihren Job zu erledigen? "Der ist auch Dienstleister", sagt Frau Nawrocki. Und ohne flexibles Personal ist so ein Service nicht zu machen: Zwei Rentnerinnen füttern und streicheln Katzen ausdauernd und zuverlässig. Eine Tiermedizin-Studentin pflegt Hunde in Herrchens Abwesenheit mit der ganzen Kenntnis ihres Fachs. Viele freie Mitarbeiter stehen auf Abruf bereit. Und Ulf Hansen, ja, der ist ihr Butler. Er schleift auch heute noch immer wieder an seinem Englisch und besucht Fortbildungen. Übrigens ein Mann mit Frau und Kind, ursprünglich Flensburger. Er lächelt hintergründig, denn er weiß mehr, als er jemals erzählen würde. Oder haben Sie schon mal einen richtig guten Butler gesehen, der über seine Arbeit redet?

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