Rentnerprotest in der Stillen Straße : Pankow bleibt besetzt

Seit 100 Tagen protestieren Rentner nun schon gegen die Schließung ihres Seniorentreffs in der Stillen Straße in Pankow. Trotz großer Unterstützung ist jedoch keine Lösung in Sicht.

Saara Wendisch
Solidarität. Die Rektorin der Kunsthochschule Weißensee, Leonie Baumann (am Mikro), unterstützt die Aktivisten in der Seniorenbegegnungsstätte in Pankow.
Solidarität. Die Rektorin der Kunsthochschule Weißensee, Leonie Baumann (am Mikro), unterstützt die Aktivisten in der...Foto: Björn Kietzmann

Eigentlich hatten sie gedacht, innerhalb von acht Tagen sei die Angelegenheit beendet, sagt Doris Syrbe, 72, Hausbesetzerin. Doch seit gestern sind es 100 Tage geworden, in denen eine Gruppe von Rentnern zwischen 67 und 96 Jahren sich weigert, die Seniorenbegegnungsstätte in der Stillen Straße 10 in Pankow zu verlassen. Die Senioren protestieren so gegen die Räumung des Freizeittreffs.

Im März 2012 hatte die Bezirksverordnetenversammlung Pankow (BVV) beschlossen, die Seniorenbegegnungsstätte am 30. Juni 2012 aus Kostengründen zu schließen. Die Rentner waren über diese Entscheidung entrüstet und halten seitdem die Stille Straße 10 besetzt. „Im Zweifel lasse ich mich von der Polizei raustragen“, sagt Elli Pomesenke. Die 74-Jährige ist jeden Tag in der Stillen Straße. Sie ist eine von insgesamt sechs Rentnern, die regelmäßig in der Villa übernachten. Seit 15 Jahren gibt es die Begegnungsstätte, sagt sie, „300 Leute gehen hier jede Woche ein und aus.“ Das Haus verfügt über mehrere Gemeinschaftsräume und einen Garten. Es gibt einen Chor, eine Schach- und Skatgruppe; außerdem Mal- und Sprachkurse sowie eine Gymnastikgruppe. „Wenn die Leute nicht mehr hierherkommen können, bleiben sie alleine zu Haus und vereinsamen“, sagt Pomesenke.

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Die Rentner protestieren für ihren Seniorentreff.
Rentner als Hausbesetzer

Seitdem die Rentner Ende Juni die Besetzung der Villa bekannt gaben, solidarisierten sich Politiker der Linken und mehrere Prominente mit den Senioren; darunter die Schauspielerin Jasmin Tabatabai, Gregor Gysi und Petra Pau. Um sich für die Unterstützung zu bedanken, luden die Senioren am Sonnabend zu Kaffee, Kuchen und Musik ein.

„Solche Orte müssen heute mehr denn je gestützt werden“, sagt Leonie Baumann, Rektorin der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und Gründungsmitglied der Initiative „Stadt Neu Denken“. Sie unterstützt die Senioren. In Berlin finde derzeit eine soziale Verdrängung statt, diese gelte es zu stoppen.

Es gebe derzeit einen „Kahlschlag von sozialen und kulturellen Einrichtungen“, sagt der Journalist Peter Venus, der die Senioren als Sprecher des Protests unterstützt. Eine Lösung sei bisher noch nicht gefunden worden.

Um langfristig in der Stillen Straße zu bleiben, versuchen die Rentner einen freien Träger zu finden. Die Volkssolidarität habe Interesse angemeldet, sagt Venus. Der Sozialverein kann die Kosten allerdings nicht selbst tragen. Die Bezirksverordnetenversammlung hat den Vorschlag deshalb bisher abgelehnt. Der Bezirk schätzt die Sanierungskosten auf zwei Millionen Euro, hinzu kommen Betriebskosten von etwa 27.000 Euro im Jahr. „Diese Angaben halten wir für nicht stimmig“, sagt Venus. Er hoffe weiterhin auf eine Einigung mit der BVV.

Unter den Gästen am Sonnabendmittag sind auch die Berliner Schauspieler Peter Bause und Ernst-Georg Schwill mit ihren Ehefrauen. „Es ist eine Schande, dass den alten Menschen hier ein Teil ihres Lebens weggenommen wird“, sagt Bause. „Ich pass uff, dass hier nichts weg- kommt“, scherzt der frühere Berliner Tatortkommissar Schwill. Er befürchte, dass das Haus bald an Investoren verkauft werde.

Vor mehreren Wochen wurde den Senioren bereits das Telefon abgeschaltet. Nun befürchten sie, im Winter in der Kälte zu sitzen. Damit ihnen das erspart bleib, stiften Linkenpolitiker Petra Pau und Stefan Liebig am Sonnabend einen Scheck in Höhe von 1000 Euro für Heizkosten aus dem Fraktionsverein der Linken. Ohne Träger bleibt das eine Übergangslösung. Trotzdem wird anschließend musiziert und gesungen.

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