Reportage : Befreiende Botschaft

Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt beim Besuch des früheren Stasi-Gefängnisses in Hohenschönhausen: "Über mutige Menschen zu sprechen, ist kein Angriff auf alle DDR-Bürger."

Rita Nikolow
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Hinter Gittern. Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde am Dienstag vom Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe,...

Der einzige Farbtupfer an diesem Vormittag ist lila – das Jackett von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Sonst ist eigentlich alles grau: der Himmel über der Gedenkstätte Hohenschönhausen, die Mauern und das Gebäude selbst. Oder schwarz, wie die Anzüge von Gedenkstättendirektor Hubertus Knabe und Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD).

Als erste Regierungschefin – weder Helmut Kohl noch Gerhard Schröder war hier – ist Angela Merkel am Dienstagvormittag nach Hohenschönhausen gekommen, um sich von einem  Zeitzeugen durch das ehemalige Stasi-Gefängnis führen zu lassen. Und das kurz vor einem historischen Datum: dem „Anfang vom Ende der DDR“, wie es Merkel in ihrer aktuellen Videobotschaft formuliert. Am 7. Mai 1989 gelang es DDR-Bürgerrechtlern, während der Kommunalwahl in vielen Lokalen die Auszählung der Stimmen zu kontrollieren – und Wahlfälschungen bekannt zu machen.

Auf ihrem Rundgang zeigt der ehemalige Häftling Gilbert Furian der Bundeskanzlerin auch den Keller, der von den Häftlingen „U-Boot“ genannt worden war – weil diese sich in ihrer Haftzeit wie in einem Unterseeboot gefühlt hätten. In einem der vielen Verhörzimmer erklärt Furian Angela Merkel dann auch, wie eine Befragung durch die Stasi-Offiziere ablief. Sieben Monate saß der Zeitzeuge in den achtziger Jahren in Hohenschönhausen in Haft.

Um kurz vor zwölf tritt Angela Merkel hinaus auf den Innenhof. Zum Gedenken an die Opfer des DDR-Regimes legt sie dort einen Kranz nieder: gemeinsam mit drei Häftlingen, die 1989 noch in Hohenschönhausen eingesperrt waren. Unter ihnen ist Manfred Haferburg, der ein paar Minuten später von seiner Haftzeit erzählt. Gemeinsam mit anderen Zeitzeugen, der Bundeskanzlerin und Hubertus Knabe sitzt er in einem großen Stuhlkreis, um mit Gymnasiasten aus dem rheinland-pfälzischen Neuwied über die DDR zu sprechen – und auch über deren Verharmlosung.

„Es gab in dieser Zeit auch Freundschaften und Zusammenhalt, aber nicht wegen, sondern trotz des politischen Systems“, sagt der Ingenieur. Als sein Zellennachbar eines Abends einen Schock bekam, die Wachen aber keinen Arzt holen wollten, habe er so lange gegen die Tür geschlagen, bis Hilfe gekommen sei. Er selbst wurde im Mai 1989 wegen versuchter Republikflucht inhaftiert. Die 18- und 19-jährigen Gymnasiasten geben zu, dass sie vor dem Besuch in Hohenschönhausen nicht viel über die DDR gewusst haben. „Dass es so krass war, habe ich erst in den letzten Tagen begriffen“, sagt ein Schüler. „Mir war vorher nicht klar, dass die Häftlinge in der DDR gefoltert wurden“, ergänzt seine Klassenkameradin.Und ein anderer Schüler findet es erschreckend, wie viele DDR-Bürger für die Staatssicherheit gearbeitet haben. „Wir müssen mehr an die mutigen Menschen erinnern, die in der DDR für die Freiheit gekämpft haben“, sagt Hubertus Knabe. Und Angela Merkel ergänzt: „Wenn wir über diese mutigen Menschen sprechen, sollten das alle anderen DDR-Bürger nicht immer als Angriff auf ihr Leben ansehen.“

Um Gerechtigkeit geht es in der nächsten Frage: Ein Schüler will wissen, warum nur ein paar wenige Stasi-Offiziere, die in Hohenschönhausen gearbeitet haben, verurteilt wurden. „Das hängt mit dem Einigungsvertrag zusammen“, sagt die Kanzlerin. Eine unbefriedigende Antwort – für alle Anwesenden. Ihre eigene Begegnung mit der Stasi beschreibt Angela Merkel so: „Die Stasi hat versucht, mich anzuwerben, als ich mich für eine Stelle an der Uni vorgestellt habe.“ Sie habe abgelehnt und gesagt, was ihr die Eltern schon sehr früh eingetrichtert hatten: dass sie kein Geheimnis für sich behalten könne und immer sofort alles ausplaudern würde. Was nicht gelogen ist: Als Schulkind habe sie kurz nach der Niederschlagung des Prager Frühlings so von ihrem Urlaub in der Tschechoslowakei geschwärmt, dass die Lehrerin ganz finster geschaut und sie gebeten habe, nicht mehr so viel über die Ferien zu erzählen. Rita Nikolow

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