Berlin : Reporter von Beruf, Brandenburger aus Berufung

Fast 18 Jahre eine kritische Instanz: Seit der Wende hat Michael Mara aus Potsdam und dem Land berichtet. Nun geht er in den Ruhestand

Hermann Rudolph

Er wohnt in Berlin, aber er bekennt, dass er sich als Brandenburger fühlt. Im Falle von Michael Mara steckt darin kein Widerspruch. Es ist vielmehr der Ausdruck dafür, dass kaum einer so mit diesem Land, seiner Entstehung und seiner Existenz verwachsen ist, wie der Leiter des Potsdamer Büros des Tagesspiegel. Dass er der erste Korrespondent einer Zeitung aus West-Berlin war, der im neuen Land arbeitete, hat vermutlich inzwischen Eingang gefunden in die Landesgeschichte.

Dabei war er, genau genommen, schon da, bevor das Land gegründet wurde. Denn das geschah, wie aktenkundig, am 3. Oktober 1990. Aber bereits am 15. März schickte ihn der Tagesspiegel auf die Reise, und zwar – es war ja damals durchaus unklar, wie die Dinge sich gestalten würden – als „DDR-Korrespondenten“. Ausgestattet war er unter anderem mit einem Philips-Porty-Funktelefon mit Tragetasche und dito Telefonkarte, denn Brandenburg war damals übermittlungstechnisch noch ziemlich wilder Osten.

Dass er seine Aufgabe so glänzend erfüllt hat, wie es ihm Politiker aller Couleur bescheinigen, hat seinen Grund – natürlich – darin, dass Michael Mara ein vorzüglicher Journalist ist. Aber es hängt auch damit zusammen, dass er eine besondere Beziehung zu diesem Brandenburg hat. Geboren in Posen, aufgewachsen in der DDR – in Halberstadt – kannte er den Hintergrund vieler Prägungen und Probleme des neuen Bundeslandes aus eigenem Miterleben. Seit 1963 beobachtete er dann die Entwicklungen in der DDR von West-Berlin aus, von Mitte der 60er Jahre an beim „Informationsbüro West“, dem Informationsdienst des innerdeutschen Ministeriums, erst als Redakteur, später, ab 1969, als Chefredakteur; außerdem schrieb er als freier Mitarbeiter für den Tagesspiegel und eine Reihe westdeutscher Zeitungen. In den Westen gelangt war er übrigens 1961 zu Weihnachten über die Grenze bei Babelsberg, die er als Angehöriger der Grenztruppe bewachen sollte. Und man kann sich vorstellen, was für eine Genugtuung es für ihn bedeutet hat, siebzehn Jahre lang zur Arbeit von West nach Ost jene malerische Havellandschaft zu passieren, die er als Zwanzigjähriger unter Lebensgefahr von Ost nach West überquert hat.

Hinausgeschickt hatte der Tagesspiegel Michael Mara, um ganz Brandenburg als Verbreitungsgebiet zu erobern. Wie so manche andere, damals in den Wende-Jahren erhoffte und erwartete Entwicklung, ist das ausgeblieben. Aber im politischen Brandenburg, in und um Regierung und Landtag, ist Mara eine Instanz geworden.

Politik und Politiker sind gekommen und gegangen, Regierungen, Koalition und selbst die Ministerpräsidenten wechselten, ein spezieller „Brandenburger Weg“ wurde angepeilt und verblasste wieder, die Fusion von Berlin und Brandenburg wurde endlos beredet und scheiterte doch – Michael Mara aber blieb, siebzehn randvoll mit Ereignissen gefüllte Korrespondentenjahre lang. Er hat in dieser Zeit seinen gehörigen Teil dazu beigetragen, dass Brandenburg für die Berliner, aber auch für die Brandenburger selbst Gestalt gewonnen hat. Dass er nun nicht mehr da sein soll, im Tagesspiegel und in Brandenburg, ist schwer vorzustellen, noch schwerer zu verwinden. Aber lange nachhallen wird zumindest der Ruf, mit dem er sich über die Jahre hinweg in ins Bewusstsein der Redaktion eingegraben hat, Scherz, Ironie und reale Bedeutung in einem: „Wir haben zu wenig Platz für Brandenburg!“

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