Berlin : Respekt fürs Rad

Am Sonntag treffen sich bis zu 250000 Demonstranten zu einer Sternfahrt durch Berlin. Und so fährt man richtig

Stefan Jacobs

Die Sternfahrt am kommenden Sonntag ist so etwas wie die Love Parade der Radfahrer, sagt Benno Koch, Landesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) und Fahrradbeauftragter des Berliner Senates. Wenn das stimmt, dann ist Benno Koch der Dr. Motte der Radler. Koch wird zwar keine Rede halten, die seine Jünger ratlos zurücklässt, aber auch die Sternfahrt hat ein Motto: „Respekt für Radler“. Das ist ausdrücklich nicht als Kampfansage an die Autofahrer gemeint, sondern als Wunsch an alle Beteiligten – von den Wohnungsbaugesellschaften, die vor jedes ihrer Häuser Abstellbügel bauen sollen, über die Bahn, die in ihren ICEs noch immer keine Fahrräder mitnimmt, bis zu den Grünflächenämtern, die oft weitläufige Parks pauschal für Radfahrer sperren.

Natürlich ist das Motto der Sternfahrt, zu der die Veranstalter bis zu 250 000 Radler erwarten, auch ein Wink an die Verkehrsplaner. Sie sollen den Radlern keine Wege mehr zumuten, die zwischen Bürgersteig und geparkten Autos versteckt auf Kreuzungen zuführen. Da haben selbst aufmerksame Autofahrer manchmal kaum eine Chance, die Radler zu sehen. Benno Koch weiß, wovon er redet: Er hat bei der Armee seinen Lkw-Führerschein gemacht und sein Studium in den 90er Jahren finanziert, indem er Baustoffe lieferte. „In dieser Zeit habe ich die Radwege auf den Bürgersteigen so richtig hassen gelernt“, sagt Koch. An manchen Kreuzungen helfe nicht einmal der Dobli-Spiegel gegen den toten Winkel. Mit „Respekt für Radler“ meint der ADFC deshalb auch, ihnen eigene Spuren auf der Fahrbahn zu gönnen, wo sie gesehen werden und sich nicht – bewusst oder gedankenlos – in Lebensgefahr begeben, wenn sie ungebremst auf eine grüne Ampel zubrausen. Zumal sich bei den Ampeln gleich die nächste Frage auftut: Welche gilt eigentlich, wenn es am Radweg nur Lichter für Autos und Fußgänger gibt, aber keines für die Radler? Meist gilt die Autoampel, sagt Koch.

Er ist kein Ideologe, der aus der Straßenverkehrsordnung Dinge herauslesen würde, die dort nicht stehen. So empfiehlt er, auf Stadtstraßen besser nicht nebeneinander zu radeln – obwohl das laut StVO erlaubt ist, solange man niemanden behindert. Aber oft naht das nächste Auto schneller, als man denkt.

Leider überholt es oft auch knapper, als man denkt. Eineinhalb Meter Abstand sind vorgeschrieben – in der Stadt meist ein theoretischer Wert. Auch dafür ist die Sternfahrt da: Damit Autofahrer wenigstens einmal im Jahr aufs Fahrrad steigen und sich ausmalen können, wie es ist, wenn eine Tonne Blech mit Tempo 50 haarscharf am eigenen Leibe vorbeizieht. Erfahrungsgemäß ist die Wahrscheinlichkeit, auf der Sternfahrt zwischen Autos zu geraten, eher gering: In den vergangenen Jahren waren rund 100 000 Radler dabei. Benno Koch hofft, dass sich die Teilnehmer beim nächsten Mal an ihr Fahrrad im Keller erinnern, bevor sie mit dem Auto den nächsten Stau ansteuern.

Sternfahrt am 6. Juni, 16 Routen, 75 Treffpunkte (siehe Grafik), Ziel: Umwelt- und Musikfestival auf beiden Seiten des Brandenburger Tores, 11 bis 20 Uhr.

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