Berlin : Respekt, mon Général

Im Herbst 1961 wurde ein Wasserturm am Bahnhof Gesundbrunnen zum Vorposten der DDR. Das ließen sich die Franzosen nicht bieten und zeigten den Sowjets die Zähne – nicht zum ersten Mal

Matthias Oloew

So richtig ernst hat das Treiben um den Wasserturm am Bahnhof Gesundbrunnen wohl niemand genommen. Viel zu sehr waren die Berliner und die Franzosen, zu deren Sektor Wedding und damit der Bahnhof gehörten, im Herbst 1961 mit den Ereignissen in der nahen Bernauer Straße beschäftigt. Bewohner der Häuser im sowjetischen Sektor versuchten, aus den Fenstern auf den Bürgersteig zu springen. Der gehörte schon zum französischen Sektor. Doch Grenztruppen und Volkspolizisten der DDR versuchten, die Flüchtlinge daran zu hindern. Es kam zu dramatischen Szenen.

Also vollzogen sich die Ereignisse um den Wasserturm zunächst in aller Stille. Angefangen hatte es in den letzten Augusttagen. Nachbarn beobachteten Uniformierte, die Material aus dem Turm und seiner Umgebung wegschafften. Das wäre nicht weiter spektakulär gewesen, wenn diese Truppen nicht aus Ost-Berlin stammten, der Turm aber gut 180 Meter entfernt von der Sektorengrenze im Westen stand. Zudem war es streng verboten, Material – einerlei, was es war – von einem Sektor der Stadt in einen anderen zu schaffen.

Die Aufregung hielt sich jedoch in Grenzen. Schließlich waren der West-Berliner Polizei und auch den Franzosen die Hände gebunden. Denn über die Gleise von Reichsbahn und S-Bahn, auch wenn sie quer durch West-Berlin führten, verfügten Ost-Berlin und die Sowjets. Also konnten die Uniformierten dort tun und lassen, was sie wollten.

Am 30. August aber verschärfte sich die Lage. Morgens war auf dem Wasserturm die Fahne der FDJ gehisst worden. Eine Provokation: Der Turm war plötzlich zu einer Art Fort geworden, zumal in seinem Umfeld nicht mehr nur ab und zu Uniformierte zu sehen waren, sondern Tag und Nacht. Sie hielten dort Wache, beobachteten die Umgebung. Die Nachbarn waren zunehmend besorgt und verärgert, aber der französische Stadtkommandant General Jean Lacomme, dem die Angelegenheit in diesen Tagen erstmals vorgelegt wurde, reagierte immer noch gelassen und tat zunächst einmal nichts. Viel zu sehr waren er und die von ihm befehligte französische Truppe damit beschäftigt, die brenzlige Situation beim Mauerbau im Auge zu behalten.

Lacommes Zurückhaltung erklärte sich aber auch aus einem anderem Grund. In einer Umfrage im Herbst 1961 gaben nur neun Prozent der Franzosen an, dass sie bereit wären, für den Status quo Berlins in einen Krieg zu ziehen. Viel zu wenig, um martialische Entschlossenheit zu zeigen. Im Oktober änderte sich das, denn in der Bernauer Straße spielten sich immer dramatischere Szenen ab.

Aufgerüttelt durch solche Ereignisse, war das, was sich knapp zwei Wochen später am Wasserturm abspielte, auch für den französischen Stadtkommandanten nicht länger hinzunehmen. Über Nacht hatten die Bewacher aus Ost-Berlin, die seit nunmehr knapp acht Wochen den Wasserturm besetzt hielten, auf dem Turm die Buchstaben „DDR“ gepinselt. Jean Lacomme sah in den großen Lettern am Wasserturm das, was sie auch sein sollten: eine Herausforderung. Auf seinen Befehl hin wurden umgehend Scharfschützen auf dem nahe gelegenen Hertha-Sportplatz postiert, die Maschinengewehre im Anschlag, den Wasserturm im Visier. Parallel ließ er den sowjetischen Stadtkommandanten in einer Demarche wissen, wozu er bereit wäre, sollte das Kräftemessen um den Wasserturm nicht sofort aufhören: den Turm in Klump zu schießen.

Die Russen zeigten sich davon zunächst nicht sonderlich beeindruckt. Dennoch schien ihnen früh zu dämmern, dass mit den Franzosen, dem Juniorpartner aus früheren Tagen im Kontrollrat, nicht zu spaßen war. Sie hatten nicht vergessen, wie sich Lacommes Vorgänger Jean-Jacques Ganeval in heiklen Situationen behauptet hatte.

Stadtkommandant Ganeval – nach ihm ist die Straßenbrücke am Flughafen Tegel benannt, die in diesem Sommer saniert wurde – hatte die Sendemasten des Berliner Rundfunks sprengen lassen. Offiziell hieß es, die Masten hätten in der Einflugschneise des neu erbauten Flugplatzes Tegel gestanden. Vielleicht störten die Türme auch nicht. Ganeval jedenfalls war der Meinung, dass sie störten – umso mehr, weil der Berliner Rundfunk sowjetisch kontrolliert war, obwohl er aus der Charlottenburger Masurenallee sendete. Das lag zwar im britischen Sektor, aber die Briten fühlten sich an eine einmal gegebene Zusage gebunden, dass die Russen das Haus des Rundfunks behalten durften. Auch der Druck der Amerikaner auf die Briten nützte nichts.

Ganeval ließ also im Dezember 1948 die Sendemasten sprengen. Die Sowjets schäumten, sie hatten nicht damit gerechnet, dass sich die Franzosen so etwas trauen würden. Der russische Stadtkommandant Alexander Kotikow erschien wutentbrannt bei Ganeval: „Wie haben Sie das nur tun können?“ Ganeval antwortete ruhig: „Ganz einfach, Herr General, mit Dynamit und von unten.“

Das Szenario sollte sich am Wasserturm in Gesundbrunnen knapp 13 Jahre später nicht wiederholen. Nachdem sich die französischen Soldaten im Stadion und die Truppen aus Ost-Berlin auf ihrem Turm über mehrere Wochen stumm beobachtet hatten, entschärfte sich die Lage am 8. November. Über Nacht war ein „D“ am Turm gestrichen worden, sodass nur „DR“ übrig blieb – und das konnte auch als Abkürzung für die Deutsche Reichsbahn durchgehen. Statt zu schießen, fingen Franzosen und Russen an zu verhandeln. Man einigte sich schnell. Die Uniformierten auf dem Turm zogen ab, die französischen Scharfschützen packten ihre Maschinengewehre wieder ein. Kleiner Triumph auf der französischen Seite: Der Turm sollte verschwinden, der Abriss sofort beginnen. Im April 1962 war er bis auf die Grundmauern abgetragen.

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