Restaurant in Berlin-Mitte geschlossen : Im Brecht-Haus gibt's nichts mehr zu essen

Das Restaurant im Brecht-Haus ist „wegen Baumaßnahmen“ geschlossen. Nur hat noch niemand einen Bauarbeiter gesehen. Auch ein Betreiber fehlt.

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Ursula Vogel leitet das Literaturforum im Brecht Haus, in dem sich das Bertolt-Brecht-Archiv befindet.
Ursula Vogel leitet das Literaturforum im Brecht Haus, in dem sich das Bertolt-Brecht-Archiv befindet.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Für Brechtianer und solche, die es werden wollen, ist die Chausseestraße 125 in Mitte eine gute Adresse. Hier muss man gewesen sein. Gleich nebenan, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, ruht der große b.b. neben seiner Frau Helene Weigel unter einem Findling. An der Hofseite des Hauses, in dem die beiden von 1953 bis 1956 lebten, sind die Wohn- und Arbeitsräume zu besichtigen. Hier hat das Literaturforum seinen Sitz. Und hier gab es einst einen Brecht-Keller, in dem kulinarische Genüsse die geistige Nahrung ergänzen sollten. Zum Beispiel Helene Weigels Tafelspitz oder süße Sachen aus dem Wiener Rezeptbuch der Mutter Courage.

Drapiert war das alles mit Modellen und Fotos bekannter Aufführungen des Berliner Ensemble. Von dieser Location erfahren die Touristen durch ihre Reiseführer: Einmal bei und mit Brecht Bier oder Wein trinken wäre doch toll! Aber da hört der Spaß auch schon auf. An der Tür zum Keller klebt ein Schild: „Das Restaurant im Brechthaus ist derzeit wegen Baumaßnahmen geschlossen. Diese dauern bis auf Weiteres an“.

Im Bertolt-Brecht-Haus in der Chausseestraße 125 in Berlin-Mitte lebten einst Brecht und Helene Weigel.
Im Bertolt-Brecht-Haus in der Chausseestraße 125 in Berlin-Mitte lebten einst Brecht und Helene Weigel.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Eröffnung war ursprünglich für das dritte, dann fürs vierte Quartal 2014 avisiert, so ging das weiter, und jetzt, 2015, nennt man vorsichtshalber keine feste Zeit, sondern schiebt den Keller „bis auf Weiteres“ auf die lange Bank. „Das Traurige daran ist, dass wir noch nie eine Baumaßnahme im Brecht-Keller gesehen geschweige denn gehört haben“, sagt die Leiterin des Literaturforums, Ursula Vogel. Ihr Schreibtisch steht quasi direkt über der angeblichen Baustelle. Das Haus, in dem Ende 2013 der Wirt das Traditionslokal für immer zusperrte, wurde inzwischen äußerlich frisch gestrichen. Man vergaß zwar, die Hausnummer 125 und die Gedenktafel der prominenten Bewohner anzubringen, aber die Renovierung ging am Keller spurlos vorüber. Das Haus gehört dem Land Berlin und wird von der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) unter der Gebäudenummer 30368 verwaltet. Pressesprecherin Katja Cwejn sagt, dass sich die BIM zum Thema Brecht-Keller „in Gesprächen mit der Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten“ befinde. „Die Suche nach einem Betreiber gestaltet sich schwierig, da für die Sanierung der Gastronomieflächen ein deutlich sechsstelliger Betrag aufgebracht werden müsste.“ Unter anderem sei der Einbau eines Fettabscheiders notwendig, „um die gesetzlichen Vorgaben zum Betrieb eines Restaurants zu erfüllen“. Gesetzgeber, Friedhofsverwaltung und Hotel- und Gaststättenverband sind von der Notwendigkeit der Fettabscheidung im Abwasser überzeugt, nur: muss das gleich in abschreckende Höhen gehen? Fettabscheider gibt es auch schon für 5000 Euro.

Alle Beteiligten haben ein Interesse daran, dass in der Kellerküche wieder gebruzzelt wird. Aber es passiert halt nichts. Immerhin geht die Senats-Kulturverwaltung nicht nur mit wirtschaftlichem Denken in die Gespräche: Das Brecht-Haus sei ein Gesamtkunstwerk, da gebe es größere Zusammenhänge zu berücksichtigen. Noch sei man in einer Phase, „wo wir glauben das hinzukriegen“, sagte Pressesprecher Günter Kolodziej. Gastronomie mache das Haus attraktiver. Wahrscheinlich muss ein guter Gastronom gefunden werden, der den Kleinkrieg mit Behörden nicht scheut und Interesse für den Genius loci hat. Und so ein Mensch sollte in Berlin nicht aufzutreiben sein? BIM, Brechts geistige Erbverwalter und Kulturverwaltung sollten auf Spurensuche gehen, um das brechtige Keller-Problem bald zu lösen.

Letztens stieg hier das Sommerfest, im Hofgarten, im Saal – nur nicht im Restaurantkeller. Nächste Gelegenheit für Geselligkeit: eine Lenz-Woche. Ursula Vogel und ihre Mitstreiter hoffen, bald das Bis-auf-Weiteres-geschlossen-Schild austauschen zu können. Gegen das, was früher an der Tür stand, das Lied des Wirtshauses „Zum Kelch“ aus dem Schweyk:

„Komm und setz dich, lieber Gast / Setz dich uns zu Tische / Daß du Supp und Krautfleisch hast / Oder Moldaufische.“

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