Restaurant "Paris-Moskau" : Zoff hinterm Bauzaun des Innenministeriums

Wolfram Ritschl führt das Restaurant „Paris-Moskau“. Gleich dahinter entsteht das Innenministerium. Doch die Baufirmen streiten sich, die Gäste gucken seit Monaten in die Grube – jetzt urteilen die Richter.

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Wolfram Ritschl am Bauzaun.
Wolfram Ritschl am Bauzaun.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die fünf Holztische auf dem Bürgersteig stehen trotz des sonnigen Spätherbsttages im Schatten. Kein Wunder, es ist die Nordseite des Gourmetrestaurants „Paris-Moskau“. Hier an die Straße Alt-Moabit setzt sich selbst im Sommer niemand gern – vor allem nicht, um ein exquisites Fünf-Gänge-Menü zu genießen. Einige Meter weiter, an der Ostseite des denkmalgeschützten Fachwerkhauses von 1898, befindet sich eine kleine Terrasse. Dort stehen Mülltonnen, begrenzt von einem Häuschen – dem Kellerzugang – und einem hohen Sichtschutzzaun. „Ich kann die Terrasse unmöglich sinnvoll nutzen“, sagt Wolfram Ritschl, Restaurantinhaber seit 27 Jahren.

Um sein Restaurant hat sich vieles verändert, seitdem der Haushaltsausschuss des Bundestages im Sommer 2008 für den Standort zwischen Kanzleramt und den Wohnquartieren Moabits den Neubau des Bundesinnenministeriums beschlossen hat. Nicht nur, dass im Sommer 2010 und lange vor Baubeginn die bei den Gästen so beliebte, von Bäumen gesäumte Terrasse abgerissen wurde, um der zukünftigen Tiefgarage des Ministeriums Platz zu schaffen. Eine vorzeitige Maßnahme, die ihm einen Verlust von mehr als 100 000 Euro beschert hat, sagt Ritschl.

Das Auffälligste ist aber die 36 000 Quadratmeter große, von einem hohen Sichtschutzzaun aus Echtholz und zahlreichen Kameras geschützte Bau- und Sandgrube. Die, über die Berlin-Besucher nach der Ankunft am Hauptbahnhof gern fragen: Ach, die ist ja immer noch da?

Ja, das ist sie, aber aller Voraussicht nach wird sie ab Donnerstag wieder von Baggern besetzt. Denn den Baustopp, den ein unterlegener Bieter in der Ausschreibung um Erd- und Betonarbeiten erzwang, wird das Oberlandesgericht Düsseldorf wohl beenden. „Der Senat hat zu erkennen gegeben, dass die Vergabeentscheidung des Bundes nicht zu beanstanden ist“, sagt OLG-Sprecher Ulrich Egger auf Anfrage. Auch wenn das Urteil erst am Mittwoch fällt, Experten zufolge verraten Richter selten eine Tendenz, wenn ihr Urteil nicht schon gefestigt ist.

Mit dem Urteil könnten die Arbeiten fortgesetzt werden, die seit dem Spatenstich für das neue Haus im Dezember 2010 weitgehend brach liegen – und das Innenministerium kann auf dem ehemaligen Busparkplatz entstehen: zwischen Feuerwache, Bahntrasse und der „Wohnschlange“. 200 Millionen Euro kostet das Projekt am Moabiter Werder, das zwei Firmen mit ihrer in erster Instanz erfolgreichen Beschwerde aufgehalten hatten.

Aber auch wenn das OLG sein Urteil so fällt, wie es erwartet wird, gefährdet der nahende Winter die Arbeiten. „Die Verzögerung ist eingefädelt“, glaubt Ritschl, bei dem häufig hohe Bundespolitiker zu Gast sind. „Niemand will mehr dieses Mammutprojekt.“ In seinen Augen ist das zukünftige Ministeriumsgebäude „eine komplette Fehlplanung“. Bisher ist das Innenministerium Mieter in einem Büroturm weiter westlich am Moabiter Spreeufer; dort sitzen 900 Mitarbeiter, weitere 200 haben ihren Arbeitsplatz am Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf. 2015 sollen sie alle in den Neubau ziehen.

„Ausgerechnet ich bin wohl der einzige, der unbedingt möchte, dass es mit dem Bau endlich weitergeht“, sagt Ritschl, als er sich an einen Ecktisch setzt – den Stammplatz von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble übrigens, wie er erzählt. Beim Blick aus den Fenstern wird klar, warum er eine Veränderung herbeisehnt: Die Aussicht auf die riesige Bauwüste draußen ist alles andere als einladend. „Zunächst war der Blick auf die größte Sandgrube Berlins für die Gäste wohl ganz spannend“, meint Ritschl. Doch niemand habe auf Dauer Lust, sich mit den Problemen des Wirts herumzuschlagen. Nun schreibt Ritschl Verluste. Mehrfach bat er den Grundstücksverwalter, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, darum, wenigstens die monatliche Pacht von 700 Euro für einige Zeit auszusetzen – ohne Erfolg.

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