Berlin : Retter des Käseigels

Bodo Mrozek las über „bedrohte Wörter“

Daniela Martens
Bodo Mrozek
Tagesspiegel-Autor Bodo Mrozek -

Der Käseigel ist eine bedrohte Tierart, aber noch nicht ganz ausgestorben: Zwei besonders schöne Exemplare erwarteten kürzlich am Eingang des Löwenpalais im Grunewald die Gäste der Lesung mit Tagesspiegel-Autor Bodo Mrozek. Die bauchigen Viecher aus Alufolie mit Käsespießen als Stacheln waren Appetitmacher auf ganz besondere Häppchen: Die Begriffe aus Mrozeks zweibändigem „Lexikon der bedrohten Wörter“ (rororo, 219 beziehungsweise 191 Seiten, je 8,90 Euro).

Von „Abgunst“ bis „Zwille“ und von „Allbuch“ bis „zünftig“ hat Mrozek Begriffe gesammelt, die sich aus unserem alltäglichen Sprachschatz verabschieden. Unter K findet man im ersten Band den Käseigel – „ in unseren Breiten in den 50er und 60er Jahren heimisch“. Inzwischen mussten er bei Partys „bitterer Rauke und faden Mozzarella-Häppchen weichen“.

„Immer wenn ein Wort verschwindet, hat sich etwas verändert“, erklärte Mrozek. Das „Bewerbungsgespräch“ wird zum Assessment Center, der „Pomadenhengst“ zum „Latin Lover“. Der „Broiler, das Grundnahrungsmittel der DDR wird seit dem Fall der Mauer vom deutsch-türkischen Döner bedroht“.

Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt, der die Veranstaltung moderierte, wollte wissen: „Bist du so ein konservativer Knochen, dass du an den ganzen alten Schabrack-Wörtern festhältst?“ „Ja“, sagt Mrozek. Ihm gehe es darum zu betrachen, wie die eigene Sprache historisch wird. Das sei die ernstere Idee im Hintergrund, aber eigentlich habe er seine Sammlung von Anfang an nicht ernst gemeint. „Auch, wenn mir das merkwürdigerweise Kritiker vorgeworfen haben: Ich will den Deutschen nicht vorschreiben, wieder wie zu Kaisers Zeiten zu sprechen“, sagt der 39-Jährige.

Angefangen hat alles mit einem Tagesspiegel-Artikel, als 2004 das schönste deutsche Wort gekürt werden sollte. Mrozek schrieb eine andere Liste – als satirische Variation. Und rief im Internet einen Wettbewerb aus: Aus tausenden von Einsendungen wählte er den „Käseigel“ aus.

Birgitt Claus von der Firma „eßkultur“ hat hat zwar nicht mitgestimmt. Sie ist aber „eine Anhängerin von bedrohten Lebensmitteln“ im Allgemeinen und ein Fan des Käseigels im Besonderen. Deshalb hat sie die beiden Tierchen für die Lesung hergestellt. Jazzpianist Matthias Klünder spielte dazu fast ausgestorbene Lieder wie „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“.

Bis zum 28. Februar kann man unter www.bedrohte-woerter.de über das nächste schönste bedrohte Wort abstimmen. Mrozek liest noch einmal am 2. März um 20 Uhr in der Backfabrik Literatur Station, Saarbrücker Str. 36-38 in Prenzlauer Berg

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