Berlin : Rettet die Kriegsschäden

Historikerin möchte versehrte Fassaden vor der Sanierung bewahren Bisher gibt es keine Pläne, Zeugnisse der Vergangenheit zu retten

Thomas Loy

Touristen kommen nach Berlin, um sich gepflegt zu gruseln. Die Mauer wollen sie sehen, ein paar Ruinen, Kriegsbunker und zerschossene Fassaden. Die Stadt wird erst durch ihre Narben interessant. Davon gibt es aber immer weniger. Und deshalb, dachte sich Historikerin Martina Bolz, sollte man unbedingt eine Initiative zur Rettung von touristisch wertvollen Fassaden starten. Sie schrieb einen Brief an die damalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die erklärte sich für unzuständig und schickte den Brief weiter an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, und die antwortete mit reichlich Verspätung und folgendem Satz: „Der Erhalt von Zeugnissen des 2. Weltkrieges fand bisher keine Berücksichtigung im Erneuerungsgeschehen.“

Selbst Wolfgang Thierse, Ex-Bundestagspräsident und noch immer Prenzlauer-Berg-Bewohner, konnte sich für die Idee von Martina Bolz nicht erwärmen. Diese ist nun enttäuscht und ratlos, hatte sie doch gehofft, ihr Brief würde eine „Lawine ins Rollen bringen“. Haben die staatlichen Stellen nichts aus den leidigen Erfahrungen mit dem überstürzten Berliner-Mauer-Kahlschlag gelernt?

In der Oderberger Straße, bislang bekannt als kultige Meile für Touristen, die ein bisschen DDR-Ambiente erhaschen möchten, hat man viel Verständnis für die Narbenrettungskampagne. Die Oderberger ist schon fast durchsaniert, und Christoph Munier, Geschäftsführer des Szeneladens „Kauf Dich Glücklich“, weiß, dass ein pastellfarben leuchtender Straßenzug erst dann dem Auge schmeichelt, wenn zwischendrin eine graue Maus hockt, mit Flecken und Wunden. „Jetzt sind die alten Häuser die Hingucker.“

„Kauf Dich Glücklich“ hat sich ins Haus Nr. 44 eingemietet. Dieses Gebäude erfüllt die Anforderung an eine vorzeigbare Narbenfassade. Balkone und Brüstungen sind verschwunden, der Backstein teils entblößt, Stuckelemente weggeschossen. Muss mal ein herrschaftliches Haus gewesen sein, sagt Munier. Über dem Laden wohne ein pensionierter Professor in einer riesigen Wohnung mit deckenhohen Kachelöfen, an denen Putten hängen. Der Hauseigentümer lebe in New York und sehe einmal im Jahr nach dem Rechten. Das Wort Sanierung habe er noch nie in den Mund genommen.

Munier würde gerne „ein abgefahrenes Hotel“ aus dem Haus machen. Fassadenretterin Martina Bolz, die im Nebenhaus gewohnt hat, denkt eher an ein Wohnmuseum mit Interieurs aus den Nachkriegsdekaden beider deutscher Staaten. Sie möchte den „Voyeurismus“ der Menschen ansprechen und ihnen den Eindruck vermitteln, sie bewegten sich in Privatwohnungen, deren Mieter gleich von der Arbeit kommen.

Die teilzerstörte Fassade müsste im jetzigen Zustand konserviert werden. Wie soll man sich sonst vorstellen, wie es in den schicken Bezirken früher ausgesehen hat? Warum die Mauer fallen musste, wissen viele Berlin-Touristen schon nicht mehr. Wenn sie die Oderberger 44 sehen, kennen sie zumindest einen triftigen Grund.

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