Rettungsdienst : Berliner Feuerwehr kommt vor lauter Notrufen zu spät

Der Rettungsdienst rückte im vergangenen Jahr zu 280.000 Einsätzen aus. Oft werden Krankenwagen allerdings wegen Lappalien angefordert.

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Die Feuerwehr rückt immer öfter zu Rettungsfahrten aus.
Die Feuerwehr rückt immer öfter zu Rettungsfahrten aus.Foto: dapd

Immer mehr Einsätze bremsen die Feuerwehr aus. Die Zahl der Rettungsdienst- Einsätze stieg 2010 auf 279 600 – das sind 12,3 Prozent mehr als 2009. Auch die Zahl der Brände nahm um 6,6 Prozent auf 8114 zu. Der Anstieg resultiere unter anderem aus der Brandstiftungsserie in Hellersdorf und den vielen angezündeten Autos. Doch während die Zahl der Brände sich im Bereich des langjährigen Mittels bewegt, rückt die Feuerwehr immer öfter zu Rettungsfahrten aus. Weil der Rettungsdienst seit Jahren immer häufiger angefordert wird, hat die Feuerwehr die mit dem Senat vereinbarten „Schutzziele“ deutlich verfehlt. So ist bei der Notfallrettung vertraglich geregelt, dass in 75 Prozent der Einsätze der Rettungswagen nach spätestens acht Minuten den Notfallort erreicht haben soll. Das gelang im gesamten Jahr nur noch in der Hälfte aller Fälle. Am Stadtrand, wo 50 Prozent der Rettungsfahrzeuge in acht Minuten beim Patienten ankommen sollen, waren es nur noch 30 Prozent.

Und auch diese Quote erreichte die Feuerwehr nur, weil die Retter im vergangenen Jahr etwas besser in Form waren. Dass die große Zahl von Einsätzen ohne weiteren Qualitätsverlust habe bewältigt werden können, sei allein dem verringerten Krankenstand unter den Mitarbeitern zu verdanken, sagte Landesbranddirektor Wilfried Gräfling am Freitag bei der Vorstellung der Jahresbilanz. Lag die Krankenquote 2007 noch bei 12,5 Prozent, waren es 2010 nur noch 10,8 Prozent. Der Feuerwehrchef nannte die Personalsituation gut, die Gewerkschaft der Polizei (GdP), die auch die Feuerwehr vertritt, fordert dagegen 300 Einsatzkräfte zusätzlich, um den derzeitigen Personalbestand von 3120 Mitarbeitern halten zu können. Nach Angaben der GdP stand pro Tag mindestens ein Einsatzfahrzeug unbesetzt auf der Wache herum.

Noch 2008 hatte Gräfling mitgeteilt, dass die Schutzziele ab 2009 eingehalten werden sollen. In diesem Jahr dürfte es kaum besser werden, hieß es. Der CDU-Innenexperte Peter Trapp sagte gestern, dass die Überbelastung der Feuerwehrleute dazu geführt habe, dass inzwischen 150 Beamte dauerkrank sind. Trapp forderte mehr Personal, Sicherheit sei eine „Kernaufgabe des Staates“.

Wie in den vergangenen Jahren machte Gräfling die „Erwartungshaltung der Bevölkerung“ und die demografische Entwicklung für die hohe Zahl der Rettungsfahrten verantwortlich. So werde bei jedem Bauchweh in Berlin ganz selbstverständlich die „112“ gewählt. Seit Jahren kündigt die Feuerwehrführung an, durch Absprachen mit Krankenkassen und Hilfsdiensten die Zahl der nicht dringenden Fahrten zu verringern. Doch groß ist der Erfolg nicht. Gräfling berichtete, dass im vergangenen Jahr etwa 5000 bis 10 000 Krankentransporte an die Kassenärztliche Vereinigung abgegeben wurden. Im besten Falle ließe sich diese Zahl auf 15 000 steigern. Dieser Erfolg dürfte also von den prognostizierten weiteren Steigerungen zunichte gemacht werden. Besonders viele Notrufe kämen aus den Pflegeheimen, in denen es kaum noch Ärzte gebe, sagte Gräfling. Der Feuerwehrchef sprach von „offensichtlichen Defiziten“, die von der Feuerwehr ausgebügelt werden müssen.

Die hohe Zahl der Rettungseinsätze ist ein typisches Problem in Großstädten. In Hamburg gibt es bei halber Bevölkerungszahl gut 200 000 Rettungseinsätze, pro Kopf also mehr als in Berlin. „Das rote Taxi mit Blaulicht wird auch bei Nasenbluten bestellt“, sagte ein Sprecher der Hamburger Feuerwehr. Auf dem Land sei die Mentalität in der Bevölkerung viel besser: „Die fahren auch mit gebrochenem Arm selbst ins Krankenhaus.“

Die Berliner Feuerwehr will nun zusätzliche Kleinstwachen mit nur einem Rettungsfahrzeug eröffnen, und zwar an Ballungsorten mit vielen Einsätzen wie dem Potsdamer Platz. Dies soll die Anfahrtszeit der Sanitäter verkürzen.

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