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Reuter West in Berlin-Siemensstadt : Waschbär löst Kurzschluss in Kraftwerk aus - hunderte Notrufe

Ein lauter Knall und über eine halbe Stunde anhaltender Lärm: Ein technischer Defekt in einem Vattenfall-Kraftwerk brachte einige Berliner um den Schlaf. Schuld war ein Waschbär.

Sieht putzig aus, kann aber für ganz schön viel Lärm sorgen - wenn er zum Beispiel einen Kurzschluss in einem Kraftwerk auslöst: ein Berliner Waschbär.
Sieht putzig aus, kann aber für ganz schön viel Lärm sorgen - wenn er zum Beispiel einen Kurzschluss in einem Kraftwerk auslöst:...Foto: Birgit Holzhauer

Mehrere hundert Notrufe aus Spandau und Charlottenburg erreichten die Berliner Polizei in der Nacht zu Donnerstag. Der Grund: Lärmbelästigung. Ein lauter Knall wie ein Silvesterböller oder ein Kanonenschlag und dann ein Geräusch, das an das Horn eines Ozeandampfers erinnert – und das über 35 Minuten lang, mitten in der Nacht zwischen 2.10 und 2.45 Uhr.

In den sozialen Medien rätselten die Anwohner, woher der Lärm komme. Und es wurde spekuliert: „Aliens haben ihr Landemanöver beendet“.
Was war wirklich passiert? Im Vattenfall-Heizkraftwerk Reuter West hatte es einen technischen Defekt gegeben – ausgelöst von einem Waschbären. Der hatte es geschafft, in eine Schaltanlage des Kraftwerks zu dringen und dort einen Kurzschluss im Trafo auszulösen, berichtete Pressesprecher Olaf Weidner.

Keine Gefahr für Leib und Leben

Der Kurzschluss bescherte den ersten lauten Knall und einen hellen Blitz, der Hochspannungs-Trafo ging daraufhin vom Netz. Danach brachte der anhaltende Lärm von aus Sicherheitsgründen in die Atmosphäre umgeleitetem Dampf aus einer Turbine die Anwohner um ihren Schlaf. „Für die nächtliche Ruhestörung entschuldigen wir uns“, sagte Weidner und versicherte, es habe zu keiner Zeit eine Gefahr für Leib und Leben bestanden.

Auch die Strom-und Wärmeversorgung sei zu jeder Zeit gesichert gewesen.
Nach einer guten halben Stunde war es dem Unternehmen gelungen, den austretenden Dampf, der ursprünglich für die Stromerzeugung gedacht war, abzukühlen und in die Fernwärmeerzeugung umzuleiten. Und was ist aus dem Waschbären geworden? Der hat das nächtliche Abenteuer überlebt. Als Mitarbeiter des NABU mit einem Jäger nach dem Tier suchten, entwischte er.
Das ist für Derk Ehlert, Wildtierexperte bei der Senatsverwaltung für Umwelt, ein Indiz dafür, dass das Tier sich eventuell schon längere Zeit im Trafo aufgehalten hat und den Kurzschluss gar nicht ausgelöst hat. Ein Fall wie dieser zeige, dass man Kraftwerke besser sichern müsse. Es sei auch nicht das erste Mal, dass ein größeres Tier in einen Trafo gelangt ist.

In den vergangenen acht Jahren gab es zwei ähnliche Fälle mit einem Steinmarder und einem weiteren Waschbären. Ehlert geht von 600-800 Waschbärenfamilien in Berlin aus.

Karte: NABU Berlin

Beim Wildtiertelefon des NABU gehen jeden Tag Meldungen Berliner Bürger über Waschbären ein, 554 waren es im vergangenen Jahr, berichtet Mitarbeiterin Katrin Koch. Eine Aufschlüsselung nach Bezirken finden Sie links im Kasten. Auch in Brandenburg gibt es flächendeckend Waschbären. Hier stellen sie ein Problem für bodenbrütende Vögel und die europäische Sumpfschildkröte dar, die ihre Eier im Boden vergräbt.
Ende Juni hat der Bundestag Gesetzesänderungen beschlossen, durch die eine EU-Verordnung zur Eindämmung von invasiven gebietsfremden Arten, zu denen der Waschbär gehört, umgesetzt werden sollen. Dafür braucht es nach Ansicht des Deutschen Jagdverbandes mehr Jagdfallen, weil die dämmerungs-und nachtaktiven Tiere anders nicht zu fassen seien.

In Berlin gibt es allerdings ein komplettes Fallenverbot, konstatiert Sprecher Torsten Reinwald. Und kritisiert: „Das ist aus Artenschutzgründen kontraproduktiv.“

Wo Berlins Waschbären leben
Waschbären in Spandau. Aufmerksam schauen sie zwischen den Gräsern hervor. In den Wäldern der Stadt wird die invasive Tierart geschossen. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos von wild lebenden Tieren in Berlin und dem Umland an leserbilder@tagesspiegel.de! - Foto: Legadema pictures (CC: BY 2.0)Weitere Bilder anzeigen
1 von 20Legadema
05.09.2017 09:10Waschbären in Spandau. Aufmerksam schauen sie zwischen den Gräsern hervor. In den Wäldern der Stadt wird die invasive Tierart...

Waschbären werden auch in der Stadt satt

Dass das Aufkommen der aus Nordamerika stammenden Wildtiere seit Jahren in der Region so hoch ist, liegt laut Koch daran, dass sie „sehr opportunistisch“ seien. Da sie Allesfresser sind, werden Waschbären auch in der Stadt satt: Hier fressen sie zum Beispiel Abfälle, Hunde-, Katzen- oder Vogelfutter.
Und sie sind als Höhlenbewohner stets auf der Suche nach einem Unterschlupf - deswegen komme es häufig vor, dass man sie in Schuppen, auf Balkonen, in Carports, aber sogar in Kinderwagen vorfinde. Außerdem sind Waschbären hervorragende Kletterer. Deswegen sei es keinesfalls ungewöhnlich, ganze Waschbärenfamilien in Obstbäumen zu sichten oder auf dem Balkon im achten Stock.
Von einer Plage will Koch allerdings nicht sprechen, Und sie gibt Entwarnung: Gefährlich werden die den Raubtieren zugeordneten Bären dem Menschen in der Regel nicht. Die in Berlin vorkommenden Waschbären griffen keine Personen an und übertragen keine gefährlichen Krankheitserreger.

Waschbären in Berlin

Der Berliner NABU sammelt Daten zu Waschbären-„Vorgängen“ in der Stadt. 2016 wurden insgesamt 554 Meldungen von Bürgern zu Waschbären verzeichnet. Die Berliner Forsten zählten von Januar bis August 118 Vorgänge. Am häufigsten wurden die Wildtiere in Marzahn-Hellersdorf gemeldet (96 über die Wildtierberatung, 36 über die Forsten), gefolgt von Treptow-Köpenick (92/18) und Spandau (38/16).

Die wenigsten Waschbären wurden in der Innenstadt gesichtet: Lediglich fünf waren es 2016 in Charlottenburg-Wilmersdorf und sieben in Mitte.

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