Berlin : Revolutionäre Rentnerin

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Sie ist ein Trumpf gegen den Kronzeugen. Ein bisher geheim gehaltener. Mit dunkler Brille kam die 63-jährige frühere Beamtin gestern durch eine Hintertür in den Gerichtssaal. Wenig später die Überraschung im Prozess gegen Rudolf Schindler und vier weitere mutmaßliche Mitglieder der „Revolutionären Zellen“ (RZ): Fast sechzehn Jahre nach einem Terroranschlag auf einen hohen Berliner Beamten bezichtigte sich die gelernte Sozialarbeiterin und jetzige Rentnerin der Schüsse. Sie widersprach damit der Bundesanwaltschaft und dem Kronzeugen.

Tarek Mousli hatte Schindler als Schützen benannt. „Ich habe vorher von Rudi die Pistole übernommen und auf Herrn Hollenberg geschossen“, gestand die Zeugin. Das war 1986. Harald Hollenberg war damals Leiter der Berliner Ausländerbehörde. Zwei Schüsse trafen ihn in die Beine. Hollenberg habe oft „bürokratisch“ entschieden, sagte die Zeugin zu ihrem Motiv. Sie habe die Flüchtlingspolitik als unmenschlich angesehen. Vor dem Attentat sei sie mit Schindler nach Frankreich gefahren und habe in einem Bunker das Schießen geübt. „Ich wollte keine schweren Verletzungen. Das war nicht unsere Absicht.“ Damit bestätigte die Frau im Wesentlichen die Aussage von Schindler. Dem 59-Jährigen wird in dem seit mehr als einem Jahr dauernden Prozess Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Mitangeklagte und ebenfalls durch Aussagen des Kronzeugen Mousli belastet ist seine Ehefrau Sabine Eckle. Nach Angaben des Ex-Terroristen Mousli war Sabine Eckle an dem Anschlag auf Hollenberg beteiligt. Die Zeugin aber verneinte das. Die Frau, die in den 70er Jahren Beamtin in einer Senatsverwaltung war, sagte, Mousli habe sie nach dem Attentat „umarmt und beglückwünscht".

In dem Prozess geht es um vier Anschläge zwischen 1986 und 1991. Außerdem verhandelt der 1. Strafsenat ein Knieschuss-Attentat auf einen früheren Bundesrichter sowie Sprengstoffanschläge auf die Siegessäule und auf die Zentrale Sozialhilfestelle für Asylbewerber. Im Fall des Richters hatte Schindler zugegeben, der Schütze gewesen zu sein. Er hatte den Kronzeugen Mousli, der nach seinen umfassenden Angaben über die RZ zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde und unter Personenschutz steht, als „Lügner“ bezeichnet.

Welche Konsequenzen die Selbstbezichtigung der Zeugin haben wird, ist noch nicht abzusehen. Für die Schüsse kann sie nicht mehr belangt werden. Sie waren eine Körperverletzung, die inzwischen verjährt ist. Dennoch riskiert die Frau, die im Zusammenhang mit Aktivitäten in der „Roten Zora“ bereits als Beschuldigte gilt, weitere Ermittlungen wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Als Zeugin beschränkte sie sich peinlich genau darauf, nur zum Fall Hollenberg Angaben zu machen. Kerstin Gehrke

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