Revue-Theater : Aus dem Takt

Schwere Zeiten für den Friedrichstadtpalast: Ein massiver Besucherrückgang bringt den Erneuerungsprozess des Hauses in Gefahr.

Frederik Hanssen
Rhythmus Berlin, Wiederaufnahme,
"Rhythmus Berlin". Nach der Revueshow im Friedrichstadtpalast sind im Jahr 350.000 Menschen verrückt.Foto: Davids

15 Prozent Besucherrückgang, halbvolle Säle, drei Millionen Euro Defizit in diesem Jahr – die Zahlen hören sich schrecklich an. Der Friedrichstadtpalast befindet sich in einer ernsten Krise. Andererseits: „Immer noch besuchen pro Saison über 350 000 Menschen unser Haus“, gibt Intendant Thomas Münstermann zu bedenken. Und sein kaufmännischer Geschäftsführer Guido Herrmann fügt hinzu: „Unser Eigenfinanzierungsanteil liegt weiterhin bei 75 Prozent, das heißt, die staatlichen Zuschüsse machen nur ein Viertel unseres Etats aus.“ Die meisten anderen Staatstheater können durch ihre Ticketverkäufe lediglich fünfzehn bis zwanzig Prozent ihrer Ausgaben selber erwirtschaften.

Unterm Strich ist also der Friedrichstadtpalast immer noch der Musterknabe unter den hauptstädtischen Bühnen. Und das, obwohl das Haus seit langem als „Sparschweinchen“ der Berliner Kulturpolitik missbraucht wurde, wie es der PDS-Abgeordnete Wolfgang Brauer jüngst im Abgeordnetenhaus formulierte. Um fast ein Drittel wurden die Subventionen in den vergangenen Jahren heruntergefahren, 6,2 Millionen Euro pro Jahr überweist der Senat dem Unterhaltungsbetrieb mit 280 Angestellten derzeit noch pro Jahr.

Internationales Flair irritiert Besucher

Eigentlich kann sich der als GmbH geführte Friedrichstadtpalast unter diesen Umständen keine Experimente erlauben. Genau dafür aber wurde vor drei Jahren Intendant Thomas Münstermann geholt. Als Nachfolger des legendären Sascha Iljnskij sollte er Europas größtes Revuetheater in eine neue Ära führen. Was für die Menschheit als kleiner Schritt erscheint, wird in der Entertainmentbranche aber schnell zum schmerzhaften Spagat. Neue Zielgruppen zu erschließen, ohne die Stammkundschaft zu verschrecken, lautet das Ziel. Dass die Show „Glanzlichter“ internationales Flair atmet, mit deutlich weniger Rüschen, dafür mit Songtexten in Englisch und Französisch, irritierte viele Besucher: So etwas war man hier bisher nicht gewohnt.

Dabei will Thomas Münstermann gar keine Revolutionen anzetteln. Der 51-Jährige ist kein Exzentriker. Man möchte sogar sagen: In der hauptstädtischen Kulturszene gibt es wohl keinen Intendanten, der bescheidener, unglamouröser auftritt als der bekennende Halbglatzenträger, der weiße Tennissocken zum schwarzen Anzug kombiniert, ohne das ironisch zu meinen, und bei dem eine E-Gitarre an der Schrankwand im Büro lehnt. Münstermann will vor allem eins: Shows machen, die den Leuten gefallen, weil sie durch handwerkliche Qualität überzeugen. Er würde niemals zweitklassige FernsehNasen oder abgehalfterte Altstars in seine Programme einbauen, nur um durch prominente Namen Schlagzeilen zu machen. Er ist stolz darauf, für die „Glanzlichter“-Serie 2008 Sabine Hettlich gewonnen zu haben, ein Eigengewächs des Friedrichstadtpalastes, die am Pariser Lido zum Star wurde. Dass in Berlin kaum einer ihren Namen kennt, stört ihn nicht. Weil er weiß, wie gut „La Ettlich“ ist.

Marketingetat muss verdoppelt werden.

Münstermann und seinen kaufmännischen Geschäftsführer Guido Herrmann belastet aber noch ein weiteres Problem: der massive Rückgang des Bustourismus. Es gab Jahre, da waren 70 Prozent der Tickets im Voraus durch Reiseunternehmen reserviert. So wie die Theater und Opern dank ihrer Abonnements langfristig planen konnten, wusste man im Friedrichstadtpalast, dass der Großteil der 1895 Sitzplätze abends besetzt sein würde. Heute dagegen wollen sich viele Besucher nicht mehr festlegen, auch Städtereisende entscheiden immer öfter spontan, wohin sie ausgehen möchten. Um aber die Leute zur Abendkasse zu locken, braucht man Geld, viel Geld. „Angesichts der veränderten Marktsituation müssten wird unseren Marketingetat eigentlich verdoppeln“, gibt Hermann zu. Dafür ist aber im Wirtschaftsplan kein Spielraum.

Zum Glück kommen für den Friedrichstadtpalast jetzt erst einmal die jährlichen Jubelwochen: Am 28. Oktober startet die stets absolut erfolgssichere Kinderrevue „Der Zauberer von Camelot“, für die bereits jetzt 91 Prozent der Karten gebucht sind. Und auch die Weihnachtsrevue mit Anna Maria Kaufmann, deren Premiere am 20. November gefeiert wird, ist schon zu 70 Prozent verkauft. Die Chancen stehen also gar nicht so schlecht, dass im zweiten Halbjahr ein angepeiltes Zuschauerplus von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auch tatsächlich erreicht werden kann.

Bei der nächsten Sitzung des Aufsichtsrates des Friedrichstadtpalasts unter dem Vorsitz von Kulturstaatssekretär André Schmitz soll am 16. Oktober ein Sanierungskonzept beraten werden. Wohlgemerkt: Es geht dabei um Finanzen, nicht um Ästhetik.

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