Rhetorik : Finale der Schauredner im Roten Rathaus

In Deutschland gibt es mehr als 50 Debattierklubs. Verglichen mit Großbritannien ist die Rede-Kultur hierzulande allerdings eher wenig entwickelt. Beim Finale der Deutschen Debattiermeisterschaften im Roten Rathaus geht der Sieg in diesem Jahr nach Mainz.

Kolja Reichert

BerlinLiegt es an der Büttenreden-Kultur, dass Mainz so gute Redner hervorbringt? Die Anhänger des Debattierclubs Johannes Gutenberg verbreiten jedenfalls mit lauten "Helau"-Rufen Karnevalsstimmung im Festsaal des Roten Rathauses, als sie hören, dass ihr Team es ins Finale der Deutschen Debattiermeisterschaften geschafft hat. Jan Papsch und Marcel Giersdorf haben ihr Hauptziel erreicht: "Wir wollten Mainz wie jedes Jahr in die Endrunde bringen." Zweimal hat ihr Club schon den Titel geholt, Giersdorf ist Titelverteidiger. Vier Tage lang tobten bis gestern in Berlin die letzten Runden der Wettbewerbsserie, in denen Studenten in einer gestellten Parlamentsdebatte ihre Kunstfertigkeit im öffentlichen Streit messen.

Nun kommen aus Mainz nicht nur hochgelobte Redner. Gregor Gysi erinnerte in seiner Eröffnungsrede an Helmut Kohl und bestätigte mal wieder seinen eigenen Ruf als brillanter Rhetoriker. "Heute gibt es kaum noch Politiker, die Themen verständlich übersetzen können", beklagte der Fraktionschef der Linken im Bundestag. Matthias Naß, stellvertretender "Zeit"-Chefredakteur, hatte zuvor erklärt, warum englische Parlamentarier so viel besser reden können: "Weil sie das in Oxford gelernt haben." In Großbritannien und den USA werden Debattierwettbewerbe schon seit dem 19. Jahrhundert gepflegt, in Deutschland dagegen hat die öffentliche Streitkunst kaum Tradition. Erst vor 15 Jahren gründeten sich hier die ersten Debattierclubs, inzwischen gibt es schon über 50.

Die Debatte kocht schnell hoch

Das Finale wurde nach dem Prinzip des "British Parliamentary Style" geführt: Zwei Leute bilden ein Team, zwei Teams bilden eine Koalition, die Regierung verteidigt einen Gesetzesantrag gegen die Opposition. Improvisation ist gefragt, zur Vorbereitung ist kaum Zeit: Erst 15 Minuten vor Beginn erfährt man das Thema. Das war gestern pikant: Die Wiedereinführung des Eisernen Kreuzes als Tapferkeitsmedaille in der Bundeswehr.

Die Debatte kochte schnell hoch. Markus Ebert aus Halle zog die ersten Lacher auf sich, als er forderte: "Soldaten sollen wieder mit Spaß bei der Sache sein!" Er berief sich auf die bis Bismarck zurückreichende Tradition der Auszeichnung, womit er der Opposition Angriffsfläche bot. "Stauffenberg würde das Eiserne Kreuz heute nicht tragen wollen", rief man dort. Ansonsten fanden die Gegner trotz guter historischer Argumente zu keiner Linie. Die Regierung hatte die besseren Redner – egal wie populistisch ihre Argumente waren. Das ist ja das Spannende am Debattieren: Es geht nicht um die eigene Meinung, sondern um die größtmögliche Wirkung. Und die entfaltete mal wieder der Mainzer Marcel Giersdorf. Mit guter Laune und Körpersprache hatte er den Saal auf seiner Seite. Während der Preis für das beste Team nach Halle ging, wurde Giersdorf zum besten Redner gewählt. Wie denkt er selbst übers Thema? "Darüber hab ich noch nie nachgedacht."

Die besten Argumentierer wurden in den vergangenen Wochen auch beim Bundeswettbewerb "Jugend debattiert" gesucht. Bundespräsident Horst Köhler ehrte gestern auch einen Sieger aus Berlin: Timm Dusemund vom Gymnasium zum Grauen Kloster siegte in der Sekundarstufe 2. 

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