Berlin : Rhythmisches Duett

Die blinde Sängerin Joana Zimmer läuft am Sonntag ihren ersten Marathon – am Arm einer Freundin

Marc Neller

Jetzt hört sie das gleichmäßige Ächzen der Laufbänder im Fitness-Studio. Am Sonntag werden es zigtausend Läufer sein, das Trappeln ihrer Schritte, der Takt ihrer Atemzüge. Zigtausend unterschiedliche Rhythmen, von denen Joana Zimmer sich nicht ablenken lassen darf. Die Profis sagen, Marathon bedeute, in den Körper hineinzuhorchen, den richtigen Rhythmus zu erfühlen. Bei Joana Zimmer ist es vermutlich so, dass sie das Metronom ihrer Schritte intensiver nutzt als die anderen Starter. Weil sie am Sonntag ihren ersten Marathon läuft und unerfahren ist. Und weil sie blind ist, und ihren Takt auf den einer guten Freundin abstimmen muss. Bei ihr untergehakt will sie die 42,195 Kilometer laufen. Mit Startnummer F2026.

„Wir haben viel gemeinsam trainiert. Es klappt gut“, sagt Joana Zimmer. „Obwohl Kerstin die kürzeren Beine hat und wegen mir längere Schritte machen muss.“ Seit April bereitet sie sich auf ihren Lauf vor. Joana Zimmer ist 22 und Sängerin, Mezzosopranstimme. In Jazz-Klubs wie der „Trompete“ von Schauspieler Ben Becker und dem „A-Trane“ in Charlottenburg ist sie aufgetreten. Seitdem spricht sich ihr Name herum, bei Universal ist sie unter Vertrag.

Sie sitzt an einem Tisch vor der Bar ihres Fitness-Studios. 14. Stock, ein rundum verglastes Hochhaus am Neuen Kranzler-Eck, die langen blonden Haare straff nach hinten gekämmt und zu einem Zopf geflochten. Seit ihrer Geburt ist sie blind, sie hat blind auf dem Schwebebalken geturnt, blind auf der Judomatte gekämpft. „Warum sollte ich keinen Marathon laufen?“ Sie lässt die Frage kaum ausklingen. „Ich liebe Sport und ich will wissen, wie sich das anfühlt – wenn man das packt.“ Durchkommen will sie. „Und wenn das klappt“, woran sie nicht zweifelt, dann aber bitteschön „so um die 4 Stunden 30“. Das wäre eine achtbare Zeit für einen ersten Marathon. Ob sie die erreichen wird, hängt entscheidend davon ab, ob sie im Duett mit der Freundin gleich ihren Rhythmus findet. Vier Schritte, dabei einmal lang atmen, durch die Nase. Ein, aus. „Es erfordert ziemlich viel Konzentration, dass man gut nebeneinander läuft und möglichst wenig Kraft verliert, indem man abwechselnd zu nah an seinem Partner läuft und dann wieder zu weit weg von ihm.“

Sie haben trainiert, jeder für sich, an der Fitness. Und dann wieder zusammen, der Koordination wegen. Sie beide wissen, es gibt diese Streckenteile, auf denen es schwerer wird, den Takt zu halten. Am Wilden Eber oder am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Dort, wo auch erfahrene Läufer schon mal aus dem Tritt kommen. Denn dort stehen die Sambatruppen, die Trommeln wummern. Und das Publikum am Streckenrand ist besonders enthusiastisch. „Vielleicht ist es dann ein Vorteil, dass sie im Duett mit jemandem läuft, der das erste Mal hinter sich hat“, sagt Nadine Paukert. Sie hat für Joana Zimmer ein persönliches Trainingsprogramm zusammengestellt. Joana Zimmer wird nicht jemandem hinterherlaufen, von dem sie glaubt, dass sie sein Tempo mitgehen kann und erst zu spät merken, dass es zu schnell für sie ist – wie es unerfahrenen Läufern passiert.

Jetzt ist sie etwas zu schnell. Seit fünf Minuten läuft sie sich auf dem Laufband ein, die linke Hand am Griff eines schwarzen Cockpits. Die Digitalanzeige zeigt: 9 Stundenkilometer. „Sie soll konstant acht laufen“, sagt Paukert. „Ich schaff’ das“, sagt Joana Zimmer. Sie sucht den Rhythmus, hört auf ihre gedämpften Schritte. Groß trainieren wird sie so kurz vor dem Rennen nicht mehr. Aber sie wird noch einige Male an den Olympischen Marathon denken. Als in Athen die Stars um Medaillen liefen, saß sie vor dem Fernseher. „Das war so eine gigantische Atmosphäre.“ Da hat sie gewusst: Das will sie mal selbst erleben.

Bleiben zwei Sorgen. Den Rhythmus nicht verlieren. Und: Der Lauf darf sie nicht so schlauchen, dass sie am Montag erschöpft aussieht. Um acht ist Fototermin für die nächste Single.

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