Berlin : Richard de Glanville (Geb. 1937)

Er legte den Pinsel aus der Hand, rieb seinen Bart und knurrte: "Bullshit".

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Meist war er der Erste. Saß im Sommer in seinem hellen Leinenanzug an der Stirnseite des langen Tisches, die Aquarellfarben und Kreiden, Pinsel, die Palette im Halbkreis ums Papier verteilt und malte, hoch konzentriert. Porträts und Akte in der Art Egon Schieles oder des „Blauen Reiters“.

Kamen dann nach und nach die anderen Kursteilnehmer in den Raum der Seniorenfreizeitstätte in der Mollwitzstraße, setzten sie sich still an den Tisch, packten ihre Utensilien aus und begannen ebenfalls zu malen, hoch konzentriert. Von Zeit zu Zeit legte Richard den Pinsel aus der Hand, betrachtete sein Bild durch die Nickelbrille, rieb sich den weißen Bart und knurrte kopfschüttelnd „Bullshit“.

Nach zwei Stunden löste sich die Spannung, und Gespräche begannen. Die Maler zeigten einander ihre Versuche. „Less is more“, sagte er, die Zeichnung der Dame neben sich haltend, „too much done.“ Die Dame sah, er hatte recht. Jahrelang hatte Richard nicht mit den anderen gemalt, hatte abseits an einem kleinen Tisch gesessen. Jetzt besprach er mit ihnen, wie man Farben mischt, bat sie, Modell zu sitzen und erzählte Splitter aus seinem Leben.

Seit zwanzig Jahren lebe er in Deutschland. Seine Großmutter sei eine Deutsche gewesen, habe in Dresden Kunst studiert, er besitze noch einige ihrer Pinsel und Paletten, sogar Farbtuben. An ihr großes Haus in England und den Park erinnere er sich noch gut. Ja, auch er habe einmal eine Familie gehabt, eine Frau, eine Tochter. Die Beziehung sei längst abgebrochen. Das Aktzeichnen und die Farbenlehre habe er sich in Kursen an der Universität der Künste angeeignet. Er zeigte Fotos, eine weitere ernsthafte Beschäftigung neben dem Malen, Naturaufnahmen und Abbildungen von Frauen, die eine bedeutsame Rolle in seinem Leben gespielt zu haben scheinen.

Richard sprach Englisch, Deutsch beherrschte er nicht, selbstironisch und mit diesem britischen Stiff upper lip, höflich und stets die Haltung wahrend.

Im letzten Winter sprach er davon, dass er Weihnachten malend, zusammen nur mit Malern verbringen wolle.

Am 6. Dezember teilte das Bezirksamt der Kursleiterin mit, dass es keine Zuschüsse mehr geben würde. Die Kosten müssten von nun an selbst getragen werden. Etliche der alten Teilnehmer können sich das nicht leisten.

Weihnachten kam, das neue Jahr, aber Richard kam nicht mehr in die Mollwitzstraße. Dann kam die Nachricht: Richard war tot, gestorben vor dem Heiligen Abend.

Zehn Menschen standen im Januar um das Armengrab, kannten einander kaum, gingen gemeinsam einen Kaffee trinken und begannen zu erzählen, was sie über Richard wussten.

Vier Kinder soll er gehabt haben, eine Tochter, drei Söhne, jedoch keinen Kontakt mehr. Er hat Chemie studiert, in der Schweiz als Dozent gearbeitet und auch mal auf Sizilien gelebt. Das Haus und den Park in England hat er verkauft, kam später in Deutschland mit dem Geld und einer kleinen Rente aber kaum aus. Er wohnte in Wedding, im fünften Stock, einen Aufzug gab es nicht, aber einen Stuhl zum Ausruhen in der zweiten Etage. Die Gebühr für den Malkurs, 20 Euro fürs Vierteljahr, wurde ihm hin und wieder erlassen.

Eine Teilnehmerin des Kurses hat einen Bittbrief an die Bürgermeisterin geschrieben: Ob der Bezirk den Malzirkel nicht doch noch unterstützen könne. Eine Antwort bekam sie nicht. Nur einen Vordruck, dass ihr Brief eingegangen sei.

Aber sie treffen sich noch und sie malen. Sie bezahlen so viel, wie sie können.

Ende April wird eine Sammelausstellung in der Mollwitzstraße stattfinden, im Andenken an Richard. Die Kursteilnehmerin, die den Brief an das Bezirksamt geschrieben hat, befürchtet, dass nach der Ausstellung alle seine Bilder auf den Müll geworfen werden.

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