Berlin : Richard Keenan (Geb. 1944)

Ein Amerikaner, der die Preußen liebte und die Zierborten.

David Ensikat

Eine Geschichte, sie hat mit dem Rest kaum etwas zu tun, muss erzählt werden, denn er hat sie selbst erzählt, und ihm sind die Tränen dabei in die Augen gestiegen.

Anfang der siebziger Jahre, Richard ist ein Amerikaner und unterwegs von West-Berlin nach West-Deutschland, Transitautobahn. Vor ihm gerät ein Auto ins Schleudern, überschlägt sich, bleibt im Straßengraben liegen, dachüber. Richard zieht die Insassen heraus. Sie überleben, ein junger Mann und eine junge Frau. Die ist hochschwanger, ihre Wehen setzen ein. Es geht unglaublich schnell, das Kind kommt auf die Welt, Richard tut, was er eigentlich gar nicht kann und schon überhaupt nicht darf, er hilft bei der Geburt eines Bürgers der Deutschen Demokratischen Republik. Deren Staatsmacht trifft am Unfall- und Geburtsort ein, da ist die Nabelschnur längst durchtrennt. Die Volkspolizisten jagen den Helfer davon: ein Klassenfeind auf Durchreise.

Die Geschichte ist noch nicht vorbei, die Pointe liefern Richards Landsleute. An der Grenze in den freien Westen empfangen sie ihn am Kontrollpunkt für die Alliierten. Er ist völlig durch den Wind und nicht nur das, blutbesudelt ist er auch, die Spuren der Geburt. Er erklärt, erzählt von seiner Rettungstat, der Niederkunft am Rand der Transitstrecke. Und da brüllen sie ihn an: Wie konnte er eine Kommunistensau in diese Welt befördern?

So waren die Zeiten damals, so sind sie immer, hüben wie drüben: Menschen mit Gefühl und Menschen ohne.

Jetzt, im Sommer des Jahres 2008, ist Richard wieder auf dem Weg. Keine Durchreise ist es, sondern seine letzte. Sie geht nach Frankreich, Richard in der Urne reist seinen Möbeln hinterher.

Sie passten in seine letzte Wohnung nicht mehr hinein, 35 Quadratmeter. Die Wohnung davor hatte 120. Seine letzten beiden Jahre brachte Richard damit zu, wenigstens die Bücher in der winzigen Bleibe unterzubringen, die ihm geblieben war.

Richard Keenan, ein stattlicher Ami in Berlin, mit großer Brille und noch größerer Herzlichkeit, per Du mit jedermann, schwul und trotz der Freunde und Kollegen, die ihn mochten, ein einsamer Mann, dessen Leben seine Wohnung war. Gewesen war müsste man auf Berlinisch sagen, denn die große Wohnung ist gemeint, aus der er ausziehen musste, weil sie modernisiert werden sollte; die kleine war nur Endstation.

Wie kann man eine Wohnung, ach was: ein Vier-Zimmer-Reich wie das seine modernisieren? Wer kommt auf die Idee, die Öfen, diese Prunköfen, dort herauszureißen und Heizungsrohre zu verlegen entlang an Wänden, die wie im Rokoko mit Stoff bespannt und mit Zierborten aus Gips versehen waren? Sanssouci würden sie modernisieren, diese Hausbesitzer, wenn ihnen Sanssouci gehörte.

Zwei Fotoalben. Eins hat Richard über Jahre angelegt, begonnen in den Sechzigern, niemals beendet, darin die Bilder vom Ausbau seiner großen Wohnung: Sperrholzplatten, Gips und Stofftapeten, antike Kacheln, Kronleuchter, Vitrinen. Das zweite dokumentiert den Abriss aller Einbauten, die Demontage seines Lebens, am Ende weiße Wände. Diese Bilder des zweiten Albums entstanden innerhalb von ein paar Wochen.

Eine modernisierte Wohnung war nicht nur das Letzte, was sich dieser Mann gewünscht hatte, er hätte sie sich gar nicht leisten können. Vor Jahren hatte er mal ein Geschäft für Bastlerbedarf, und er war selbst sein bester Kunde. Übrig blieben ein Konkurs und 90 000 Mark Schulden. Weil er ein Mensch war, der nicht in diese Zeit gehörte, hat er sie zurückgezahlt, mit allen Zinsen.

Und deshalb bezog er das Einzimmerappartement in Westend, dessen einziger Vorteil darin bestand, dass es sich an der Preußenallee befand. Mit den Preußen hatte es Richard Keenan, warum auch immer. Die meisten seiner Bücher behandelten die preußische und die Berliner Geschichte: „Unser Fritz“ und „Für’s Vaterland“ hießen sie, „Preußen Archiv“, „Berlin Archiv“.

Dabei kam er aus einem Kaff in Pennsylvania, aus einer katholischen Familie, in der man auf alles Amerikanische sehr stolz war. Vier Söhne, eine Tochter, die Söhne gingen allesamt zum Militär. Da gab es eine gute Ausbildung gratis, und selbst für einen zarten jungen Mann wie Richard mit der Vorliebe fürs Alteuropäische war was dabei: Er lernte für den militärischen Geheimdienst Sprachen, Französisch, Tschechisch, Polnisch, und kam nach Deutschland, Berlin, kam auf den Teufelsberg, die östlichste Horchstation der freien Welt, wo man erfuhr, was in der unfreien gefunkt wurde.

Vielleicht war es sein wenig militärisches Wesen, das ihn den Dienst beim Militär quittieren ließ. Er war dann jahrelang für Kindls Zapfanlagen in diversen Schwulenkneipen zuständig. Das entsprach seinem geselligen Gemüt. Dann kam der Bastlerladen, der Konkurs und schließlich eine Anstellung als Hausmeister bei einer Bank. Seit einem Jahr war er schuldenfrei, in einem Jahr sollte er in Rente gehen.

Er kam ins Krankenhaus, eine Operation am Fuß. Ein Freund besuchte Richard, der zwar matt, doch zuversichtlich war: Bald würde er hier wieder rauskommen. Eine Woche später rief der Freund im Krankenhaus an. Der Herr Keenan? Ach, der ist tot. Eine Blutvergiftung, Nierenversagen. Aber wer sind Sie denn? Sind Sie verwandt?

Der Freund würde nicht sagen, dass er Richard besonders nah stand. Aber viel näher stand ihm keiner. Der Freund rief die Leute aus Richards Adressbuch an, erreichte einen der Brüder, den es nach Singapur verschlagen hatte, und sprach auch mit Didier, einem Franzosen, den Richard auf dem Teufelsberg kennengelernt hatte, der älteste Freund. Er lebte längst wieder in Frankreich und hatte die Möbel bekommen, als Richard seine große Wohnung räumen musste. In Frankreich bei seinen Möbeln beerdigen sie Richard, den Amerikaner aus Berlin. David Ensikat

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