Richter greift durch : Vier Kriminelle wegen Folter in Jugendhaft verurteilt

Vier junge Männer haben wochenlang ihre Mithäftlinge in der Jugendstrafanstalt Plötzensee drangsaliert. Den Beamten fielen die Quälereien nicht auf, weil Personal fehlte. Die Verteidigung spricht von einer Mitschuld der Justiz.

Kerstin Rebien

Gegröle, Gelächter, Tumult im Gerichtssaal. Was sich am Donnerstag in einem Prozess gegen vier junge Kriminelle abspielte, machte die Anwesenden fassungslos. Kaum war das Urteil wegen einer Serie von Quälereien in der Jugendstrafanstalt Plötzensee verkündet, zeigten sich drei der Männer von unglaublich renitenter Seite. Sie pöbelten und stimmten in die Störungen ihrer Kumpels auf den Zuhörerbänken mit ein. Solange, bis der Richter sie und ihre Fan-Gemeinde aus dem Saal des Jugendschöffengerichts in Moabit entfernen ließ.  

Eigentlich sollten sie erzogen werden, doch Jan Se., Kevin T., Deniz R. und Oguz S. konnten sich im Jugendgefängnis Plötzensee als ein Folter-Quartett aufspielen. Sieben Wochen fiel den Bediensteten nicht auf, dass sie Insassen drangsalierten. Opfer, die keinen „Schutzengel“ hatten, psychisch oder körperlich schwach waren, erniedrigten und quälten sie. Intensivtäter Se., 21, und Mehrfachtäter T. hätten durch Drohungen und Schläge ein Klima der Angst schaffen wollen und sich „als Herren der Station gefühlt“.

Ein Täter drohte mit sexueller Gewalt

Im Juli und August hatten sie leichtes Spiel. „Die Kontrollmaßnahmen waren aufgrund von Urlaub und Krankheit völlig unzureichend“, so der Richter. Ein Zeuge wurde zitiert: „Wenn da einer um Hilfe ruft, kriegt das keiner mit.“ Es ist den Bediensteten auch nicht gelungen, andere Häftlinge vor Quälereien zu schützen.

Ihre Opfer bekamen Faustschläge ins Gesicht oder in den Nacken. Zitronensaft wurde einem Mithäftling in die Augen geträufelt, den sie in der Küche gepackt hatten. Bei einem anderen Übergriff stülpten sie dem Mithäftling eine Plastiktüte über den Kopf. Als ließen sie ihn gleich ersticken. Andere sollten sich gegenseitig ohrfeigen. Einer der perversen Täter ließ mehrfach die Hose herunter und drohte mit sexueller Gewalt. Kevin T. ging zu einem jungen Mann, der als psychisch labil bekannt war. Er zeigte auf ein Seil und forderte ihn auf: „Los, häng dich auf.“

Richter: „Das Spiel also läuft weiter“

Lange schwiegen die Opfer, bis einer von ihnen doch zu einem Beamten ging. Es blieb jedoch schwierig. „Ich habe noch eine gewisse Haftzeit vor mir, die will ich nicht als emotional gebrochen hinter mich zu bringen“, sagte der mit 19 Jahren jüngste Angeklagte. Der Richter fasste zusammen: „Das Spiel also läuft weiter.“

Statt Erziehung werde lediglich verwahrt, kritisierten Verteidiger. „Es fehlt ganz katastrophal an Personal“, argumentierten sie. Es liege ein Mitverschulden der Justiz vor, das sei strafmildernd zu berücksichtigen. Das Jugendgericht zeigte Härte. Bei drei der Angeklagten habe man keine Reue gesehen. Schon gar nicht bei T., einem Haupttäter. „Ich hoffe, ihr klappt alle um und verreckt“, hatte er in Richtung der Richter gepöbelt. Er kam mit einer Strafe von drei Jahren und drei Monaten in die Verhandlung. Sie wurde auf fünfeinhalb Jahre erhöht. Sieben bis 25 Monate Zuschlag bekamen die weiteren Quäler aus der Jugendhaft.

 

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