Berlin : Richtige Männer wollen nicht zum Arzt

Aber sie nutzten den Krebskongress, um sich über Prostatatumore zu informieren. Zum Publikumstag am Sonntag kamen über 7000 Besucher

Ingo Bach

Der Tower des Tegeler Flughafens habe Massenstarts am ICC untersagt, sagt die Lehrerin. Und so mussten die Kinder ihre Luftballonbündel fein säuberlich trennen und durften immer nur einzelne in die Luft steigen lassen – und mit ihnen die Botschaft an ihre Berliner Altersgenossen, erst gar nicht mit dem Rauchen anzufangen. Die Aktion mit dem jugendgemäßen Motto „Be smart, don’t start“, an der Schulklassen aus ganz Deutschland teilnehmen, präsentierte sich am Sonntag auch auf dem Deutschen Krebskongress im Berliner ICC. Und während draußen die Luftballons mit dem Wind davonflogen, tanzte drinnen die Schülerband „Non Smokies“, auf deren T-Shirts die vergrößerten Warnhinweise der Zigarettenschachteln aufgenäht waren. „Rauchen lässt die Haut altern“ oder „Rauchen kann tödlich sein“.

Dass der Qualm Krebs verursachen kann, weiß jeder. Doch vieles rund um die oft tödliche Krankheit liegt nicht so klar auf der Hand. Dass die Menschen einen starken Informationsbedarf haben, zeigte sich auch auf dem Krebskongress. Nach Veranstalterangaben kamen gestern über 7000 Menschen zum Krebsaktionstag, der erstmals während des Kongresses stattfand. Zielgruppe waren vor allem Patienten und deren Angehörige. Stände von Selbsthilfegruppen, Ernährungsberatern, Ärzten oder Pharmakonzernen zogen gestern hunderte Interessierte an.

Ein Novum ist es auch, dass die Berliner Krebsgesellschaft als Organisatorin des Kongresse auch Berater für Alternative Heilmethoden eingeladen hat - zum Beispiel die Gesellschaft zur biologischen Krebsabwehr. Sie setzt auf Alternative Therapien als Ergänzung der klassischen schulmedizinischen Methoden.

Die Berliner Urologen organisierten gemeinsam einen Männergesundheitstag. Das Hauptthema: der Prostatatumor, die zweithäufigste Krebsart beim Mann. Die reine Statistik macht die Brisanz dieser Krankheit deutlich: Allein in der Hauptstadt erkranken jährlich etwa 800 Männer daran, jedes Jahr sterben rund 360. Bundesweit sind es 11 500 Todesfälle. Besonders gefährdet sind Männer ab dem 45. Lebensjahr.

Erschwerend kommt hinzu, dass Männer wesentlich weniger bereit sind, sich einer Früherkennung zu stellen, als Frauen. Richtige Kerle gehen eben nicht zum Arzt, so der Eindruck praktizierender Mediziner.

Dabei gibt es bei einem früh diagnostizierten Prostatakrebs gute Chancen auf Heilung. „Krebsfrüherkennung – heikel oder hilfreich?“ hieß denn auch eine der Veranstaltungen des Aktionstages. Über 400 Zuhörer waren gekommen, darunter auffällig viele ältere Paare. Ein Besucher gibt auf Nachfrage zu, dass er nur auf Drängen seiner Frau eine Früherkennung bei seinem Urologen machen lassen will. Heftig diskutierten die Experten auf dem Podium die Früherkennung mit Hilfe des so genannten PSA-Bluttests. PSA, das heißt „Prostataspezifisches Antigen“, ein Eiweiß. Ist davon zu viel im Blut, ist das nach Medizineransicht ein erster Hinweis auf ein Karzinom an der Vorsteherdrüse. Doch ist der Test umstritten. Viele Fachmediziner schwören darauf. Doch Kritiker halten dagegen, es gebe bisher keinen wissenschaftlichen Beweis, dass dieser Test tatsächlich die Sterblichkeit an Prostatakrebs senke. Studienergebnisse sind erst im Jahr 2008 zu erwarten.

Das große Interesse am Publikumstag nutzte auch ein großer Pharmakonzern. Er bot am Rande des Kongresses Männern ab 45 Jahren einen Gratis-PSA-Test an. Denn üblicherweise zahlen die Krankenkassen nur die Prostatafrüherkennung, bei der ein Urologe die Vorsteherdrüse abtastet. Den Bluttest müssen die Patienten selbst zahlen – rund 20 Euro. Mehr als 1000 Männer nutzten das Angebot, ein Viertel von ihnen erfuhr das Ergebnis noch während des Kongresses.

Große Resonanz fand auch eine Podiumsdiskussion mit sieben Experten zu den häufigsten Krebsarten am späten Sonntagnachmittag: rund 700 Zuhörer kamen.

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